• Generación Y ist der weltbekannte Blog der Kubanerin Yoani Sánchez, die in Havanna trotz dauernder Überwachung mutig die Mauern der Zensur überwindet. Es gelingt ihr meisterhaft, anhand alltäglicher Situationen das Machtsystem in Kuba zu entlarven. Yoani Sánchez wurde in den letzten Jahren oft für ihren aufklärerischen Journalismus ausgezeichnet. Das Time Magazine wählte die kubanische Dissidentin unter die hundert einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahres 2008. Das International Press Institute ernannte sie im Jahre 2010 zur „Heldin der freien Meinungsäußerung“. 2011 erhielt sie den Prinz-Claus-Preis. „Natürlich habe ich Angst in Kuba", sagt sie, „aber ich habe nichts zu verbergen, ich habe keine Waffen, meine Waffe ist die freie Meinungsäußerung."

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12mglobal

Ich war noch nicht alt genug, um in die Schule zu gehen, und war gerade in dem Park, den die Anwohner dieses Viertels „Carlos III“ nennen, obwohl alle Karten auf dem Namen „Carlos Marx“ bestehen. Meine Schwester und ich spielten am trockenen Brunnen und sprangen von einer Bank zur anderen. Wir schauten zum Sitz der Freimaurerloge hinüber, die sich an der Ecke zur Straße Belascoaín befindet, und sahen grauen Rauch aus der Weltkugel auf ihrem Dach aufsteigen, die langsam vor unseren Augen in Flammen aufging. Ich erinnere mich, dass wir zu meinem Vater „Papa, die Welt brennt!“ hinüberriefen und zu dritt zum Hausmeister des Gebäudes liefen, um es ihm zu sagen. Wenige Minuten später kam die Feuerwehr. Seit jenem Tag hat sich dieses Abbild unseres Planeten nicht mehr gedreht. Der Drehmechanismus ging kaputt … und ist es bis heute, Jahrzehnte später.

In eben diesem Park, den ich aus meiner Kindheit kenne, organisierte das Forum Observatorio Crítico (deutsch: Kritische Beobachtungsstelle) am vergangenen Samstag ein Treffen in Solidarität mit der weltweiten Bewegung der „Empörten“. Schon Stunden bevor die Teilnehmer ankamen, hatten die politische Polizei und uniformierte Wachposten die nähere Umgebung gesichert. Mehrere Aktivisten und Journalisten wurden schon vor ihrer Ankunft festgenommen und in entfernte Stadtteile gebracht, um sie an der Teilnahme zu hindern. Das Treffen fand schließlich statt, wenn auch geprägt von Eile und einer geringen Teilnehmerzahl. Trotzdem konnten die Anwesenden ein paar antikapitalistische Transparente entfalten, einige Fotos machen und aus der Ferne an eine nonkonformistische Bewegung erinnern, die Länder wie Spanien, England und die USA erschüttert. Die Teilnehmer sangen die Internationale und einige Ortskundige entdeckten – erst an diesem Tag – das Antlitz des Autors von „Das Kapital“, das dort in die Mauer gemeißelt ist. Fünfzehn Minuten später endete der #12MGlobal in Havanna auch schon und die Kinder machten sich den leeren Brunnen, die Bänke und das Relief eines Mannes, der 1818 in Deutschland geboren wurde, wieder zu eigen. Am Abend wurde in den Nachrichten über die Proteste in London und Madrid berichtet, während man über die Demonstration im eigenen Land Stillschweigen bewahrte.

Trotz der geringen Teilnehmerzahl und des breiten ideologischen Spektrums des Aufrufs ist das Ereignis eine Bereicherung für die bürgerliche Gesellschaft Kubas. Der staatliche Fanatismus unterscheidet nicht zwischen linken oder rechten Nonkonformisten, er verdächtigt alle, die es wagen, ihn zu kritisieren, ohne sich groß darum zu scheren, welcher Gesinnung sie sind. In den Büros der Staatssicherheit führt man sowohl gegen José Daniel Ferrer als auch gegen Pedro Campos eine Untersuchung durch und ist mit Misstrauen der Patriotischen Union Kubas und auch dem Forum Observatorio Crítico auf der Spur. Einem totalitären Regime ist es egal, ob seine Dissidenten sagen, sie schlössen sich derselben Doktrin der ehemals offiziellen Handbücher an. Es reicht, Kritik zu üben, um mit den Feinden in einen Topf geworfen zu werden. Dieses Land, das in politischer Trägheit feststeckt, muss den Stein ins Rollen bringen und dringend den Pfad der Pluralität und Demokratie einschlagen. Genau wie die Weltkugel an der Ecke Carlos III und Belascoaín muss auch Kuba anfangen, sich zu bewegen. Vielleicht dreht es sich am Anfang nach links oder nach rechts, taumelt etwas oder schwankt, bis es seinen eigenen Rhythmus gefunden hat. Von nun an kann ihm jedoch niemand mehr eine einzige feste Richtung vorschreiben, niemand hat mehr das Recht, ihm einen einzigen vorgeschriebenen Weg aufzuzwingen.

Übersetzung: Falko Blümlein

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Foto: Die Weltkugel an der Ecke Carlos III und Belascoaín

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In der letzten Woche haben die offiziellen Medien die Anfänge und das Wirken des Roten Kreuzes in Kuba ganz besonders hervorgehoben. Rund um den 8. Mai, dem Gründungsdatum dieser humanitären Organisation, brachten sie mehrere Berichterstattungen über dessen helfenden und neutralen Charakter. Für die staatlichen Fernsehnachrichten wurden Interviews mit Leuten geführt, die sich aufopfernd dafür einsetzen, Opfern von Unfällen oder Konflikten zu Hilfe zu kommen. Zweifellos sind das Geschichten, in denen persönliche Uneigennützigkeit und Nächstenliebe ein Menschenleben gerettet oder körperliche Beeinträchtigungen verhindert haben. Aber der Anlass für diese Huldigungen und Reportagen liegt nicht nur darin, des 1863 von Henri Dunant gegründeten Komitees zu gedenken und ihm seine gebührende Anerkennung zukommen zu lassen. Das nationale Fernsehen versucht damit auch, das klägliche Bild zu korrigieren, das einer dieser freiwilligen Kubaner bei einer Messe von Benedikt XVI. in Santiago de Cuba hinterlassen hat.

Inzwischen gibt es nur wenige Menschen auf dieser Insel, die dieses Video, auf dem ein Mann in der Einsatzkleidung des Roten Kreuzes auf Andrés Carrión, der eine systemfeindliche Parole schrie, einschlug und eine Tragbahre nach ihm warf. Diese Szene erregt so viel Abscheu, zeugt von so viel Niedertracht, dass sogar Regierungsanhänger ihre Ablehnung solchen Praktiken gegenüber äußern. Das Missverhältnis der Kräfte ist empörend: auf der einen Seite jemand, der sich nicht verteidigen kann, und auf der anderen Seite jemand, der ihn ohrfeigt und mit einem Erste-Hilfe-Artikel angreift. Der Vorfall führte dazu, dass das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (CICR) eine Erklärung und sogar ein bislang einmaliges Entschuldigungsschreiben seitens seines kubanischen Partners einforderte. Aber das ist noch nicht alles. Offenkundig geworden ist nicht nur der Zorn eines als Sanitäter getarnten Paramilitärs oder der ideologische Groll, der mit jedem Schritt geschürt wird, ohne die Folgen abzuwägen. Es wurde auch unleugbar deutlich, dass die Behörden unseres Landes keine ethischen Grenzen kennen, wenn es darum geht, eine fremde Meinung zu unterdrücken. Wenn sie dafür ihre Stoßtruppen als eine Gruppe von Sportlern, ‘spontanen Studenten‘ oder Ärzten verkleiden müssen, dann werden sie es tun. Sie schrecken nicht davor zurück, sich internationaler Embleme zu bedienen und sogar das Renommee ausländischer NGOs für politische Zwecke zu benutzen. Dessen muss man sich bewusst werden, Schluss mit der Blauäugigkeit.

Rotkäppchen hat kaum eine Chance: der Wolf der Intoleranz kann sich als Großmutter verkleiden, als die Mutter, die ihm Kuchen gab, oder gar als der Holzfäller, der kommt, um es zu retten.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

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Auf der Erde, umgestürzt, mit einem riesigen Loch im Boden, so liegt der Müllcontainer an der Straßenecke. Es ist kaum ein paar Monate her, dass er dort aufgestellt wurde, mit seinem enormen, grauen Leib, bereit um die Abfälle zu schlucken. Aber er hat nicht standgehalten: der Vandalismus, und das sehr schlechte Material haben ihn in einem nahezu nutzlosen Zustand gebracht. Eine Strasse weiter ereilte einen anderen ein noch schlimmeres Los: er verschwand, nachdem er in der Nähe der Haltestelle Tulipan aufgestellt worden war. Zwei weitere ruhen, mit ausgerissenen Rädern und verschwundenen Deckeln, nur wenige Meter von der Bahnlinie entfernt. Laut einem Beamten des Kommunalbetriebs, wurden in Havanna „bis zu 50 Müllcontainer an nur einem Tag“ gestohlen. Nachts sieht man sie noch überfüllt – mit ihrem Gestank, ihren Fliegen und ihren vagabundierenden Katzen – doch am nächsten Morgen sind sie nicht mehr da, was bleibt, ist nur der auf die Straße geworfene Inhalt.

Es gibt viele Arten, den materiellen Zustand einer Nation zu bemessen und eine davon ist, aufzulisten, was die Leute alles von öffentlichen Plätzen stehlen. Ich erinnere mich, als zu Beginn der 90er Jahre die Glühbirnen in den Gängen und Aufzügen bewacht werden mussten, als wären sie Goldbarren, die von der Decke hingen. Plündern ist zu einer Form des Protestes geworden; zu einer Geste, die sich zusammensetzt aus Raub und sozialer Vergeltung gegen einen Staat, der – während viel zu langer Zeit – alleiniger Eigentümer war. Selten zittern jenen Leuten bei einer Plünderung die Hände, welche bei Eltern aufwuchsen, die davon lebten, Mittel von ihrem Arbeitsplatz abzuzweigen. Eher werden sie zu Erwachsenen, die geübt sind im Express-Diebstahl, in Delikten, die ebenso verwerflich, wie dringlich sind.

Die Räder des Abfallcontainers enden an dem Handkarren, auf den das Wasser in den Vierteln geladen wird, in denen die Wasserversorgung instabil ist. Der Plastikaufbau geht einen längeren Weg, er wird eingeschmolzen und umgearbeitet zu Klammern, um Wäsche aufzuhängen, zu Trichtern, um Treibstoff umzufüllen oder in Orangensaft-Pressen. Angesichts des Fehlens von Großhandelsgeschäften zum Kauf von Rohmaterial, kann jeder Gegenstand, der sich auf öffentlichen Strassen befindet, am Ende zu einem Produkt umgewandelt werden, das sich verkaufen lässt. Es bleiben keine Spuren zurück, lediglich einige graue Adern in der Putzbürste erinnern an den Müllcontainer, der einst an der nächsten Ecke stand.

Übersetzung: Birgit Grassnick

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Das letzte Mal, als der Platz der Revolution voll war, voll von Menschen, feierte Benedikt der XVI. seine Messe in Havanna. Die Fernsehsprecher wiederholten mit einer eigenartigen Hartnäckigkeit, dass „Gläubige und Nicht-Gläubige“ dieser Messe beiwohnten. Für Ohren, die nicht an den offiziellen kubanischen Diskurs gewohnt sind, hätte jene Formulierung wie eine Geste der Einbeziehung und Toleranz klingen können. Doch handelte es sich eher um die keineswegs subtile Klarstellung, dass weder die Menge in ihrer Gesamtheit katholisch war, noch der Papst mit einer so großen Anhängerschaft unter uns rechnete. Wenn man auf jedes Wort genau achtete, das von den Regierungsvertretern gesprochen wurde, so nahmen die Kubaner teil aus Gründen der „Disziplin“, des „Respekts“ oder weil sie ein „gleichmütiges“ Volk sind, aber eben nicht wegen des Glaubens.

Ich frage mich, ob sie an diesem ersten Mai auch zu so gegensätzlichen Beschreibungen greifen werden. Sie könnten zum Beispiel sagen, dass an diesem Tag von den Arbeitern genau so viele „Revolutionsanhänger, wie Nicht-Revolutionsanhänger“ mit marschieren. Das wäre keineswegs absurd an einem Tag, der unter der Prägung von Arbeit und Gewerkschaft und nicht von Politik stehen sollte. Stellt euch vor, dass der Ansager mit ernster Stimme behauptet, dass in der Menge ebenso „Arbeitnehmer wie Arbeitslose“ ihre Fähnchen schwingen! Der Block von Letzteren wäre sicherlich der stärkste, da die Zahl der 2012 freigesetzten Arbeiter, über das ganze Land verteil, bis 170 000 ansteigt. Vor den Mikrofonen sollte man die Unterscheidung machen, dass sich in der Menge vor der Statue von José Martí „Sympathisanten und Nicht-Sympathisanten“ der Regierung von Raúl befinden. Wer glauben schon, dass unter einer Million von Menschen alle mit der Regierungsweise des Präsidenten einverstanden sind?

Es wird jedoch weder Überraschungen noch Untertöne geben, sondern Versuche, die Hunderttausende der Teilnehmer wie einen gleichgesinnten Chor darzustellen, der das System unterstützt. Und der 1. Mai wird wieder, wie so oft, von ihnen vereinnahmt werden. Von der Tribüne werden genau die grüßen, die auf die Transparente gesetzt und kritisiert werden müssten, da sie keine Arbeiter-Gedenkfeier anführen. Der Tag wird zu Ende gehen, ohne die Forderung an unseren Patron, der Staat heißt, stellen zu können, die Löhne zu erhöhen, die Lebenshaltungskosten zu senken oder die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Stattdessen wird jeder kleine Kopf, der vom Turm des Platzes aus gezählt wird, als Zustimmung verbucht. Jede Person, die mit marschiert, wird als treuer „Partei-Gläubiger“ gezählt werden, wie einer, der nicht zweifelt, keine Fragen stellt und sich nicht beschwert.

Übersetzung: Iris Wißmüller
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Foto: José Daniel Ferrer

Ich wusste, dass sie ihn abholen würden. Als ich das erste Mal – via Telefon – mit José Daniel Ferrer sprach, bemerkte ich sofort seine Außergewöhnlichkeit. Kurze Zeit später unterhielten wir uns am Tisch in unserer Wohnung und dieser Eindruck hat sich dadurch nur noch bestätigt. Während es draußen dunkel wurde, erzählte uns der Mann aus Palmarito del Cauto von den Jahren, die er seit dem Schwarzen Frühling im Jahre 2003 bis Mitte 2011 im Gefängnis verbracht hatte. Über Schläge, Anklagen, Häftlinge, die ihn respektvoll „den Politischen“ nannten und auch Gefängniswärter, die ihn mit Gewalt in die Knie zu zwingen versuchten. Wir verbrachten Stunden damit, diesen Geschichten zuzuhören, manche waren Schreckensgeschichten und andere wiederum handelten von wahren Wundern. Wie z.B. als es ihm gelang, ein kleines Radio vor der Beschlagnahme zu verstecken, was zu seinem wertvollsten Besitz wurde, bis er es selbst auf dem Boden zertrümmerte, kurz bevor ein Beamter es beschlagnahmen konnte.

José Daniel, der Führer der Patriotischen Union Kubas (UNPACU), bereitet momentan der Staatssicherheit im Osten des Landes die meisten Kopfschmerzen. Er nimmt diesen – bewundernswerten, aber auch äußerst gefährlichen – Platz zum Teil deswegen ein, weil jedes seiner Worte Ehrlichkeit und Entschlossenheit ausdrückt. Ungezwungen, jung und versöhnlich ist es ihm gelungen, eine Dissidentenbewegung ins Leben zu rufen, die aber durch die Repression und das Exil eines Teiles seiner Mitglieder kraftlos wurde. Seine Anziehungskraft und der Respekt, den viele ihm entgegenbringen, leiten sich aus seinem Durchhaltevermögen und vor allem daraus her, dass er eher zu Umarmungen, als zu Misstrauen neigt. Er ist zum Verbindungmann geworden zwischen mehreren bürgerlichen Projekten und gerade jetzt macht ihn das zu einem spitzen Stein im Schuh der kubanischen Regierung.

Seit 23 Tagen ist der unermüdliche, aus Santiago stammende José Daniel festgesetzt. Nun kann er sich weder durch die steilen Straßen bewegen, die die Gemeinden seiner Region verbinden, noch Interviews beantworten oder Twitter-Nachrichten über sein Handy verschicken. Vergangenen Montag ist er in der Polizeistation, in der sie ihn in Isolationshaft halten, in den Hungerstreik getreten. Seiner Ehefrau Belkis Cantillo haben sie immer noch nicht mitgeteilt, wie lange er in Haft bleiben wird, oder ob man gegen ihn eine gesetzmäßige Anklage vorlegen wird. Wir, seine Freunde, ahnen Schlimmes. José Daniel Ferrer hat es geschafft, eine solche Anziehungskraft aufzubauen, dass er den kubanischen Behörden einen Schrecken einjagt und dafür wird er hart bestraft. Man fürchtet ihn, weil er dem Beinamen von Santiago de Cuba – „die Heldenstadt“ – in diesen Tagen eine neue Bedeutung verleihen könnte.

Übersetzung: Valentina Dudinov

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Das Mikrofon klebt förmlich an seinem Mund und die Dreadlocks schwingen lebhaft auf seinem Rücken. Raudel Collazo ist auf der Bühne: er schwitzt, singt und redet und immer wieder begleitet ein kräftiger Applaus seine Musik. Nach dem Konzert wird er zu seinem Haus in Güines zurückkehren, zu dem schmalen und kaputten Bürgersteig, auf dem er seine Tochter zur Schule bringt, zu der Mutter mit dem weißen Tuch um den Kopf. Der Dokumentarfilm „Despertar“ (Erwachen), bei dem Anthony Bubaire und Ricardo Figueredo Regie führen, setzt sich auf die Fersen des Mannes, der Leib und Leben verbotener Musik widmet. Auf der Leinwand werden seine Sorgen beleuchtet, die sich im Lied-Text von „Escuadron Patriota“ widerspiegeln. Um die Recherche komplett zu machen, fängt die Kamera auch die Bilder seines persönlichen und familiären Alltags ein, von dem er in seinen Liedern erzählt.

Raudel, der in dem wohlbekanntem Lied “Decadencia” die Ängste vieler Kubaner zu Musik gemacht hat, ist nun der Protagonist in diesem Schwarz-Weiß-Film. Ein Werk, das bei dem letzten Filmfest für junge Filmemacher, der „Muestra Joven“, organisiert vom „Instituto de Arte e Industria Cinematográficos“ (ICAIC), zensiert wurde. Wegen dieses Vorfalls trat der herausragende Filmemacher Fernando Pérez zurück, der den Vorsitz des besagten Events innehatte, und dem es gelungen war, andere Ausschlussversuche vorher zu verhindern. 12 Jahre lang wurde dem Independentfilm hier eine Plattform geboten, wo verschiedene Werke präsentiert wurden, die kulturelle, soziale und politische Themen anschnitten, welche in Kuba als Tabu gelten. Was hier Anfang April geschehen ist, stellt einen harten Rückschlag für dieses kühne und mutige Event dar, zu dem sich dieses Treffen entwickelt hatte.

Für den nicht-kubanischen Zuschauer wird es schwer werden, während der 45minütigen Spielzeit, den Grund für die Dämonisierung des Dokumentarfilms herauszufinden. Auf der Leinwand erscheint ein Mann der spricht, liebt und seine Meinung äußert. Jemand, der Themen wie den Rassismus anschneidet, den Zustand des öffentlichen Gesundheitswesens oder den baulichen Zustand seines Wohnhauses … Es gibt weder Aufrufe zur sozialen Gewalt, noch Hassbotschaften und es wird auch nicht zur Volksrevolte angestiftet. Dort, auf einem Bett liegend oder mit einem Freund essend, sieht man nur eine Person, die in der Musik einen Weg gefunden hat, sich als Bürger zum Ausdruck zu bringen, und in den Refrains seiner Lieder eine Form gefunden hat, Rechte einzufordern, die uns genommen wurden. Trotzdem sind die Zensoren sich wohl der „Gefahr“ bewusst, die davon ausgeht, wenn man dem kubanischen Publikum vom Erwachen eines Mitbürgers erzählt, und wenn man ihm den Aufschrei zeigt, den er ausstößt, wenn jemand aus der Stille heraustritt.

Übersetzung: Nina Beyerlein

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Foto: Holzstücke, große Steine und manchmal Betonteile am Meeresufer

Es sind Schulferien. Die Bushaltestellen sind brechend voll von Müttern und Kindern, die den Tiergarten, das Aquarium oder einen anderen Ort aufsuchen wollen, an dem man sich amüsieren kann. In Habana Vieja, dem historischen Stadtkern Havannas, gibt es keinen einzigen Winkel, in dem man nicht auf die Kleinen trifft, die ein Eis verlangen oder am Rock der Großmutter ziehen, weil sie eine Pizza wollen. Vor den Vergnügungsparks warten die Menschen in langen Schlangen darauf, Autoskooter zu fahren und sich in Achterbahnen das Haar zerzausen zu lassen. Währenddessen greifen die Eltern zögernd in ihren Geldbeutel. Sie wissen, dass man meistens nur mit konvertiblen Pesos Süßigkeiten und Erfrischungsgetränke kaufen kann, wobei man den Eintritt ins Museum oder ins Kino in der Landeswährung bezahlt. Die Schulen sind bis zum nächsten Montag menschenleere Orte der Stille.

Auch mein Sohn, der gerade in diesem schwierigen Alter zwischen Kindheit und Jugend ist, genießt seine Ferienwoche. Gestern wollte er ein bisschen am Strand im Osten Havannas schwimmen gehen, weshalb wir uns zusammen mit meinem Vater, der schon seit Ewigkeiten keinen Sand mehr unter den Füßen gespürt hatte, auf den Weg dorthin machten. Das Meer war wie immer wunderschön, die Sonne tat dort oben ihre Pflicht und ein paar Wolken spendeten uns sogar etwas Schatten in dieser glühenden Hitze im April. Die Natur hätte an diesem Nachmittag wohl die beste Note bekommen. Eine Mischung aus Schlampigkeit und Vernachlässigung hat jedoch die Küstenlandschaft verändert, die ich schon seit meiner Kindheit sehr gut kenne. Natürlich ist der Bereich für Touristen – gegenüber dem Hotel Tropicana – makellos sauber, mit Polizisten, die ihre Runde machen, damit kein Kubaner die Ausländer „belästigt“. Außerhalb dieses Komfortbereichs bleibt jedoch nur der Schauplatz einer echten Umweltkatastrophe für die Einheimischen übrig.

Der Sand ist keine ebene Fläche mehr, die in sanften Wellen verläuft. Nahe am Meer ist er grau und fest, während der Wind die feineren Sandkörner auf gewaltige Dünen geweht hat, die mit dornigen Pflanzen bedeckt sind. Zwischen der Straße und dem Bereich, wo sich die Sommerurlauber aufhalten würden, tun sich jetzt diese Hügel auf, die es erst einmal zu überwinden gilt, wenn man sich im Wasser abkühlen will. Steine, Betonteile und sogar Holzbalken liegen am Ufer mehrerer Küstenabschnitte. Boca Ciega, der Strandabschnitt, den vor dreißig Jahren Familien und vor zwanzig Jahren Prostituierte mit ihren Freiern aufsuchten, ist heute ein Bereich, der in Sachen Sanitäranlagen, Cafés oder Sonnenschirme nicht einmal mehr ein Minimum an Service zu bieten hat. Er sieht aus wie ein Schlachtfeld nach einem Bombenangriff. Sich die Schuhe auszuziehen und einen kleinen Spaziergang zu machen, ist wegen der Glassplitter und Metallteile keine gute Idee. Ganz zu schweigen von dem Abschnitt, den man unter dem Namen Guanabo kennt, wo immer noch Abwasserkanäle ins Meer führen. Das Schlimmste ist, dass sich in den Gesichtern der Ortsansässigen das Vergessen widerspiegelt, der Verzicht und die einstige Pracht, die zu Staub zerfallen ist.

Mein Sohn machte ein paar Schwimmzüge im Wasser, während ich mich, erwachsen wie ich bin, an alle Sandburgen erinnerte, die er dort gebaut hatte. Ich rief mir diese winzigen Festungen ins Gedächtnis, von deren hohen Türmen aus die Zukunft schöner und besser erschien.

Übersetzung: Falko Blümlein

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Foto: Der Sand ist zurückgewichen und hat sich in großen Dünen angesammelt

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Foto: Baustrukturen, die vom Meer und von Wirbelstürmen zerstört wurden

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Foto: Nachlässigkeit und Umweltschäden gefährden die Strände im Osten Havannas

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Die Balustraden haben die Form einer nackten Frau und das schmiedeeiserne Tor ist mit Steinplatten überdacht. Der Garten fasst kaum einen halben Meter Rasen und auf ihm bellt den ganzen Tag ein winzig kleiner Pekinese. Von der Eingangstür aus kann man einen Blick auf die Theke der ‘Bar’ erhaschen, die das Wohnzimmer von der Küche abtrennt und auf der sich Flaschen mit farbigen Flüssigkeiten befinden. Auf dem Dach ist ein Plastiktank zu sehen, der Wasser für knappe Tage speichert. Durch die Fenster aus Schmiedeeisen und Glas kann man Gestalten erkennen, die sich im Haus bewegen, und abends auch das Flimmern des Fernsehers. Die ganze winzige ‘Villa‘ ist mit dieser zinnoberroten Farbe gestrichen, die zur Zeit ein Zeichen von Wohlstand ist, mit diesem Farbton, der von denjenigen Menschen bevorzugt wird, die es trotz Entbehrungen und bürokratischer Absurditäten finanziell zu etwas gebracht haben.

Selbst auf unbefestigten Straßen stechen diese Häuser hervor, die aus eigener Kraft und mit konvertiblen Pesos ihre neue Farbe erhalten haben. Winzig kleine Palais, die einen gewissen Luxus für sich beanspruchen, springen uns plötzlich ins Auge. Sie hinterlassen bei uns eine Mischung aus Überraschung und Optimismus, wenn wir mitten auf den unwegsamen Wegen von El Platanito, La Timba, Zamora, El Romerillo und anderen heruntergekommenen Vierteln auf sie treffen. Sie stehen direkt neben einem überquellenden Mülleimer oder einem Abwassergraben, der unterhalb auf die Straße mündet, aber für sich allein gesehen sind diese ‘Puppenhäuser‘ Inseln des Wohlbehagens. Sie sind prätentiös und mit unglaublichen Details wie Säulen in Form von Baumstämmen oder tönernen Zwergen am Toreingang geschmückt. Maßlos überladen die einen, in architektonischer Hinsicht lächerlich viele andere, doch verkörpern diese Nachbildungen von einem Schloss den starken Wunsch, an einem schönen und individuellen Ort zu leben. Sie erinnern einen an manche barocke Grabmäler auf dem Friedhof von Havanna, in diesem Fall aber sind sie ein Symbol für Lebensfreude.

Ich liebe es, auf diese Fassaden zu stoßen und ihre Bewohner auf den kleinen Balkonen zu sehen. Da ist etwas an ihnen, an der Farbe, die für den Anstrich der Hausmauern gewählt worden ist, und an dem Türklopfer an der Eingangstür, das mir Hoffnung macht. Es tröstet mich zu wissen, dass der Wunsch nach materiellem Vorankommen nicht von so vielen Jahren falschen Egalitarismus und vorgetäuschter Bescheidenheit ausgelöscht worden ist. Ein gewisser Wunsch nach Wohlstand ist in uns geblieben, und jetzt trägt diese Sehnsucht die Farbe Zinnoberrot, die nicht überdeckt werden kann

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

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Ein Kind von 5 Jahren beginnt, in die Schule zu gehen, aber ein Blog desselben Alters hat schon gewagtere Schritte hinter sich. Heute versuche ich angestrengt, mich an die schweigsame und zaghafte Frau zu erinnern, die ich vor dem 9. April 2007 war, als ich Generation „Y“ erschaffen habe. Doch es gelingt mir nicht. Ich kann das Gesicht nicht sehen, es löst sich auf zwischen all den schönen und schwierigen Momenten, die ich erlebte, nachdem ich meinen ersten Text im Web veröffentlicht hatte. Ich schaffe es nicht mehr, mich ohne dieses unruhige und persönliche Tagebuch vorzustellen. Mir kommt es vor, als hätte ich immer auf die eine oder andere Weise ein Logbuch geschrieben. Als die Indoktrinierungen und der ganze Unsinn unerträglich wurden, kommentierte mein kindlicher Kopf so nebenbei die Realität, auf eine Art, wie ich es nie hätte laut sagen können. Die nach einem Ausweg suchende Jugendliche, in die ich mich verwandelte, machte weiterhin dasselbe: sie erzählte sich ihr tägliches Leben und versuchte, es sich zu erklären in der Absicht, aus ihm zu entfliehen.

Sicher hätte sich an jenem Morgen, an dem ich aus dem Haus ging, um meine virtuelle Seite in das Internet zu stellen, niemand vorstellen können, wie sehr ich mich mit dieser Tat verändern würde. Immer wenn mich jetzt die Besorgnis überfällt, dass die politische Polizei Kubas „unfehlbar“ ist, verbanne diesen Gedanken, indem ich mir selber sage, dass „sie es nicht wussten, an jenem Tag konnten sie es nicht einmal ahnen, dass ich diese Seite erschaffe“. Was danach geschah, ist mehr als bekannt: es kamen die Leser, sie nahmen von dieser Seite Besitz so, wie sich ein Bürger auf einem öffentlichen Platz ausbreitet. An meine Tür klopften viele andere, die mich um Hilfe baten, um ihren eigenen Raum für ihre Meinung zu schaffen. Es kam zu ersten Angriffen, aber ich erfuhr auch Anerkennung. Unterwegs ging mir diese Mutter von 32 Jahren verloren, die über „komplizierte Themen“ nur flüsternd redete, die zwanghafte Dreißigjährige, die es kaum verstand zu debattieren oder zu zuhören. Mit diesem Blog war es, wie in Raum und Zeit eines einzigen Lebens mit einer Unzahl von parallelen Existenzen zu experimentieren.

Nie wieder konnte ich unerkannt auf die Straße gehen. Meine Begabung zur Unscheinbarkeit, derer ich mich rühmte, ging verloren zwischen den Umarmungen derer, die mich wiedererkennen, und den aufmerksamen Blicken jener, die mich überwachen. Ich habe einen sehr hohen persönlichen und sozialen Preis bezahlt für diese kleinen Ausschnitte der Realität. Doch ungeachtet dessen würde ich wieder meinen USB-Stick nehmen und erneut in die Lobby jenes Hotels gehen, wo ich meinen Eröffnungsartikel in das große, weltweite Netz stellte.

Übersetzung: Birgit Grassnick

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CUBA/

Foto: Kubanische Kinder singen heute zum Schulbeginn: “Wir sind die Pioniere des Kommunismus, wir werden wie Che sein”

Letzte Woche traf ich einen italienischen Freund auf der Straße, der seit fast zehn Jahren in Kuba lebt. Es kam mir in den Sinn, ihn nach seinen Kindern zu fragen, zwei Jugendlichen, die in Mailand geboren wurden, aber jetzt in Havanna aufwachsen. „Ich habe sie hier in der französischen Schule“, versicherte er mir lächelnd. Im ersten Moment verstand ich nicht, warum er sich für jene frankofone Schulbildung entschieden hatte, aber er erklärte mir: „Willst du etwa, dass ich sie auf die öffentliche Schule schicke? Bei der schlechten schulischen Ausbildung hier!“ Als ich nachfragte, erfuhr ich, dass sie ihren Klassenraum mit Diplomatensöhnen teilen, mit Kindern von Auslandskorrespondenten und Personen unseres Kulturkreises, die einen Immigranten geheiratet haben. Für eine jährliche Zahlung von 5220 CUC (5800 USD) wird jeder Sprössling des selbstgefälligen Mailänders gut betreut und unterrichtet.

Mein erster Eindruck bei jenem Treffen war, dass mein Freund übertrieb, aber gleich rief ich mir meine eigenen Erfahrungen als Mutter eines Schülers ins Gedächtnis. Ich stellte mir die Mengen von Wischmobs, die Putzmittelflaschen und Besen vor, die wir im Laufe der Jahre gespendet hatten, um zu erreichen, dass die Gänge und Toiletten der Schule wenigstens vorzeigbar wären. Zu dieser Liste gehörte auch das Türschloss des Klassenzimmers, das wir bei mehreren Gelegenheiten ersetzten, und der Ventilator, den die Eltern alle zusammen anschafften, denn die erstickende Hitze machte es für die Kindern schwierig, längere Zeit aufzupassen. Ich vergaß auch nicht die unzähligen Male, in denen die Prüfungsaufgaben bei uns zu Hause vervielfältigt wurden, weil es in der Schule weder Papier gab, noch Druckerpatronen, noch einen funktionierenden Drucker. Das Vesper, das wir so oft am Mittag den Lehrern spendierten, denn das Essen in der Schulkantine war einfach unmöglich. Ich erinnerte mich auch an die Kartons, die Tuben von Klebern, die Temperafarben und die Buntpapiere, die wir für das Wandgemälde spendeten, neben das sie später ein Bild vom lächelnden und großherzigen Fidel Castro hängten.

Ich beschloss jedoch, nicht nur bei den hohen Materialkosten dieser Schuljahre zu verweilen, und sammelte weitere Erinnerungen. Ich dachte an jene Momente, als jener so genannte Tele-Unterricht eingeführt wurde, mit dem mehr als 60 % der Unterrichtsstunden mittels eines Fernsehers abgedeckt werden sollten. Die wunderbaren Lehrerinnen und Lehrer beschlossen, nach Hause zu gehen, um ihre Nägel zu lackieren, Kaffee zu verkaufen oder platzierten sich im Tourismussektor neu, weil die Mischung aus hoher Verantwortung und geringer Bezahlung ihnen unerträglich erschien. Ich dachte auch kurz an die wenigen Lehrer der Primar- und Sekundarstufe, die trotzdem auf ihren Posten blieben. Ich zählte all die grässlichen Sachen auf, eine nach der anderen, die von den Hilfslehrern (man sollte sie Instant-Lehrer nennen) gegenüber so vielen jungen Leuten gesagt wurden: Von „ Die kubanische Flagge hat einen Stern mit 5 Spitzen wegen der Zahl der Agenten des Innenministeriums, die in nordamerikanischen Gefängnissen sitzen“ bis „ New Seeland liegt in der karibischen See“. Ich stellte mir auch wieder den Nachmittag vor, an dem eine Lehrerin vor unserem Sohn verkündete, es werde ganz in der Nähe eine Hetzkampagne gegen „gefährliche Konterrevolutionäre“ veranstaltet und der kleine Teo schluckte, weil er wusste, dass seine Mutter und sein Vater unter den Opfern jenes Angriffes waren. Vor meinen Augen ziehen die unzähligen Gelegenheiten vorbei, als eine Hilfslehrerin in enger Kleidung und mit freiem Nabel oder ein Lehrer mit Goldzahn und einem Adler auf dem Pullover die langen Haare der Schüler kritisierten und sie nicht zum Unterricht zuließen.

Es fehlten an jenem Nachmittag bei meiner kathartischen Erinnerung auch nicht die bis zur Ermüdung wiederholten Parolen, die unendliche morgendliche Routine, der Personenkult gegenüber Männern, die in den Geschichtsbüchern als Retter erscheinen und in den wissenschaftlichen Büchern als Wissenschaftler. All das ließ mich am Ende meiner Überlegungen verstehen, warum mein italienischer Freund die „kleine französische Schule“ von Havanna vorzieht. Aber ich erfuhr auch, dass seine Kinder mit einer völlig anderen Vorstellung von dem heranwachsen werden, was die schulische Erziehung auf dieser Insel ist. Sie werden glauben, die hell erleuchteten und gut ausgestatteten Orte, wo sie ihren Fachunterricht bekommen, ihr ausbalanciertes Mittagessen, die hilfsbereite Lehrerin und die qualitativ hochwertigen Unterrichtsmaterialien seien charakteristisch für unser Unterrichtssystem. Ich schließe nicht aus, dass sie eines Tages, wenn sie nach Europa zurückgekehrt sind, an irgendeinem Straßenprotest teilnehmen, in dem man fordert, dass ihr staatliches Erziehungswesen dem unseren gleiche, damit ihre Kinder dasselbe genießen können, was sie in Kuba „kennenlernten“.

Übersetzung: Iris Wißmüller

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