Überraschungen am anderen Ufer

18. Noviembre 2008

Die Anekdote – fast schon Legende – von einer Familie die, nach mehrtägigem Rudern in der Meerenge von Florida und endlich an der Küste gelandet, aus vollem Herzen Rufe für die Freiheit und gegen die Diktatur ausstieß – die aber nicht in Miami, sondern in Varadero angekommen war – kennt mittlerweile jeder.

Da gibt es den Fall von Kolumbus, der beklemmende Monate lang auf dem Meer segelte, von der Idee bessesen in Indien an Land zu gehen, um schließlich die Neue Welt zu entdecken, und noch viele Beispiele mehr. Leute, die aus dem Haus gehen um zu heiraten und am Ende den Tod finden, die Mädchenkleidung kaufen, und es wird ein Junge geboren, die alles investieren, damit aus dem Sohn ein Boxer werden würde, doch der Junge wird Balletttänzer – ein exzellenter noch dazu!

In seinen vorletzten „Reflexiones“ vom 14. November* verwies Ex-Präsident Fidel Castro auf einige Regierungen, die erklärtermaßen Kuba unterstützen, um damit die Wende zu erleichtern, und klagte, „dass man nach all den geopferten Leben und all den Entbehrungen zur Verteidigung von Souveränität und Gerechtigkeit Kuba nicht am anderen Ufer den Kapitalismus anbieten darf“.

Das Sinnbild vom „anderen Ufer“ beinhaltet in diesem Fall eine Anspielung auf diesen Ort, der sich am Ende von einem Weg befindet. Das wiederum erinnert mich an die hingegebenen Leben und die enormen Opfer all derer, die kämpften, um die Batista-Diktatur zu stürzen. Nachdem das Land so lange Zeit nach politischen Freiheiten und der Erlangung aller Bürgerrechte gelechzt hatte, durfte man Kuba „am anderen Ufer“ nicht eine neue Diktatur anbieten.

Aus der Sicht des Autors der hier erwähnten Reflexión, sind Souveränität und Gerechtigkeit ausschließlich auf den Sozialismus zurückzuführen; vielleicht spricht er von unserer eigenen Souveränität aus jenen Jahren, als Kuba im RGW** war und manche kubanische Minister ein Alter Ego im sowjetischen GOSPLAN*** hatten, mit dem sie die wichtigsten Entscheidungen erörtern mussten. Ich nehme an, er spricht wohl von unserer eigenen Gerechtigkeit, die belegt wird durch Schnellgerichtsverfahren, durch Prozesse auf der Basis der Vermutung, dass strafbare Handlungen begangen werden könnten, durch Strafen, die sich eher auf Mutmaßungen denn auf Beweise gründen.

Das kubanische Volk sollte die Möglichkeit haben zu entscheiden, in welchem System es künftig leben will: dem Sozialismus, dem Kapitalismus oder in einem anderen, das wir erfinden könnten. Aber leider gibt es eine Klausel in der Verfassung der Republik, die die Wahlmöglichkeit ausschliesst, denn es wird nur das Recht anerkannt, den Sozialismus zu akzeptieren. Das hat man uns – an diesem Ufer vom Ende des Weges – nicht angeboten, sondern aufgezwungen.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Wörtlich: Überlegungen des Genossen Fidel. „Reflexiones del compañero Fidel: La reunión de Washington“ / Granma / 15.11.2008, S. 2
Eine offizielle deutsche Übersetzung finden Sie hier.
** Der sozialistische Wirtschaftspakt „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe“, auch als COMECON bekannt
*** Russisch: Gossudarstwennyi Komitet po Planirowaniju (Staatskomitee für Planung)

Misshandelte Bücher

15. Noviembre 2008

Für den Stand der Sterne interessiere ich mich nicht, aber mich faszinieren die Zufälligkeiten, und so passierte es, dass am Freitag um Mitternacht, als fast schon der 15. November begonnen hatte, ein Buch aus dem Regal fiel und sich auf Seite 14 öffnete, auf der das Datum des selben Tages zu lesen war, der gerade begann - allerdings aus dem Jahr 1968, dem „Jahr des heldenhaften Guerillakämpfers“.

Mit dieser Datumsangabe endete die Erklärung des kubanischen Schriftsteller- und Künstlerverbandes UNEAC*, der im Nachhinein zwei Bücher, die in eben diesem Jahr den Literaturpreis der UNEAC gewonnen hatten, wegen Unvereinbarkeit mit der revolutionären Ideologie verurteilt hatte: das Theaterstück Los siete contra Tebas** von Antón Arrufat und den Gedichtband Fuera del Juego*** von Heberto Padilla.

In jener Zeit studierte ich Journalismus an der Universität von Havanna, und die Erinnerungen an die Streitgespräche sind noch frisch. Die Geschichte ist sattsam bekannt****, und dies ist nicht der Raum, sie wieder auferstehen zu lassen. Mit geht es nur darum, mit den Lesern das Gefühl teilen, das der Anblick des zerfledderten Bandes von Fuera del Juego in mir hervorrief. Er fiel mir fast auf die Füße, um mich daran zu erinnern, dass ich die Wahrheit sagen muss, zumindest meine Wahrheit, selbst wenn man mir eine lieb gewordenen Seite zerstört oder mit Steinwürfen meine Fenster einschlägt.

Anmerkung der ÜbersetzerInnen:

* UNEAC = Unión de Escritores y Artistas de Cuba
** Etwa: Die Sieben gegen Theben
*** Etwa: Aus dem Spiel
**** Im Jahr 1968 erschienen in der Zeitschrift der kubanischen Streitkräfte „Verde Olivo“ unter einem Pseudonym veröffentlichte Artikel, in denen die Haltung und die Werke vermeintlich konterrevolutionärer Schriftsteller wie Heberto Padilla oder Antón Arrufat angegriffen wurden. Vgl. hierzu diesen Artikel bei der Frankfurter Rundschau.

Mit einem Federhieb

13. Noviembre 2008

In einer ganzseitigen Beilage der New York Times vom Montag
drängte die American Civil Liberties Union Obama,
am ersten Tag seiner Amtszeit Guantánamo Bay
mit einem Federstrich zu schließen.
CNN

Im Spanischen sagen wir „mit einem Federstrich“ (con un plumazo), wenn wir die Schnelligkeit betonen möchten, mit der eine Entscheidung getroffen wird, die allein durch das Setzen einer Unterschrift Gültigkeit erlangt. Ins Englische übersetzt lautet der Ausdruck „with the stroke of a pen“, und wenn wir das wörtlich und streng schematisch ins Spanische zurückübersetzen, dann wird „mit dem Hieb einer Feder“ (con el golpe de una pluma) daraus, und das ist der Weg, auf dem – nach den Forderungen der Amerikanischen Vereinigung für Bürgerrechte – der nächste US-amerikanische Präsident das schändliche Gefängnis schließen soll, die das Land auf dem Militärstützpunkt in der Bucht von Guantánamo unterhält.

Meine antitotalitären Bedenken – die durch die verständlichen Vorbehalte genährt werden, an denen ein Mensch krankt, der ein halbes Jahrhundert lang eine Diktatur erleidet – diese Bedenken schlagen höchsten Alarm angesichts dieser Bitte. Es erschreckt mich, dass jemand so viel Macht haben soll, auch wenn es das Gute ist. Sie wissen nichts von den Federstrichen, die wir in unseren Breiten schon erlebt haben, und mehr noch, von den Telefon- und sogar “Gerichtshieben“*. Mit einer Handbewegung aus dem Seitenfenster eines viertürigen sowjetischen Jeeps wurden Ernten vernichtet, wurden Minister und Botschafter abgesetzt, wurde der Bau eines Staudamms befohlen, die Absage einer Veranstaltung, der Beginn eines Krieges, die Entsendung von Ärzten in andere Länder, die Zensur eines Buches, die Öffnung vieler Gefängnisse … und auch das, was wir nicht wissen.

Aber manchmal drängt die Zeit, und man muss bestimmte Vorbehalte überwinden. Gefängniseinrichtungen sollten unter der ständigen Überwachung der zuständigen Justizorgane stehen und nicht außerhalb der Grenzen, der Kontrolle entzogen. Die Schließung dieses Gefängnisses wird von denen gefordert, die das Ansehen der Vereinigten Staaten beschädigt sehen, und von denen, die ernstlich besorgt sind über jeden Übergriff, der geschieht, unabhängig davon, wer der Geschädigte sein mag, und, selbstverständlich, auch von uns, die wir die wirklichen Eigentümer der Insel sind, der ganzen Insel.

Wenn Obama die Feder in der Hand hält (es muss nicht einmal am ersten Tag im Oval Office sein), sei es, um sein Land von der schweren Last dieser Schande zu befreien, oder um denen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, deren Rechte verletzt wurden, dann möge ihm doch jemand eine Landkarte zeigen, auf der Guantánamo zu sehen ist, und ihm beiläufig erzählen, dass die US-amerikanischen Bürger den Rest der Insel nicht besuchen dürfen. Der ist nicht nur ihr schönster Teil, sondern auch der interessanteste. Jemand möge ihm erklären, dass es auf diesem großen Alligator mitten in der Karibik Millionen Menschen gibt (Zigtausende, um es gemäßigter auszudrücken), die erleichtert aufatmeten bei der Nachricht, dass er gewählt wurde, Menschen die fest daran glauben, dass er eine einzigartige und möglicherweise unwiederbringliche Chance hat: Nicht die, mit einem Federhieb unsere Probleme zu lösen, sondern mit der einer Feder eigenen Zärtlichkeit eine Botschaft zu senden, auch wenn es nur eine Handbewegung ist.

Anmerkung der ÜbersetzerInnen:

* Im Original: „telefonazos/tribunazos“. Die spanische Endung „-azo“ weist auf eine gewaltsame Handlung hin. Die konkreten Wörter sind Wortschöpfungen des Autors im Sinne von Telefonanrufen oder Gerichtsverfahren mit schwerwiegenden negativen Folgen.

Die Dynamik des Raums

9. Noviembre 2008

Zu den dringlichsten Forderungen derjenigen, die sich Gehör verschaffen möchten, gehört die nach einem Raum, von dem aus sie ihre Gedanken anderen nahebringen können. Dieser Raum könnte ein Rednerpult, eine Bühne, eine Galerie, eine Seite oder eine gewisse Zeit vor den Fernsehkameras oder den Mikrophonen des Radios sein.

Ach, wenn ich nur einen Raum hätte!

Allerdings kommt es vor, dass wenn man den Raum erhält, man diesen unter der Bedingung erhält, nicht genau das zu sagen, was wir eigentlich äußern wollten. Dann beginnt ein Mechanismus zu wirken, der uns dazu bringt, den erlangten Raum zu schützen, ihn nicht zu riskieren, damit er nicht verloren geht. Einschließlich dessen, ihn zu beschützen, damit er nicht in falsche Hände gelangt.

Es ist offensichtlich, dass es zunächst darum geht, einen Raum zu erobern. Ich kenne eine Gruppe von Rockmusikern, die nie einen Konzertraum zum Auftreten finden, weil sie seit ihrem Bestehen immer darauf hinweisen, dass es ihnen in einem Augenblick einfallen könnte, die Hosen vor dem Publikum runterzulassen oder derbe Zoten ins Mikrofon zu sagen. Ebenso klar ist, dass niemand, der seinen Arbeitsplatz behalten möchte, die Verantwortung auf sich nehmen wird, ihnen einen Raum anzubieten. Ich kenne einen Liedermacher, der sehr kritische Lieder über die Situation in Kuba schreibt, doch der, als er live und vor Kameras und Mikrophonen auf der Tribuna Antiimperialista* aufgetreten war, etwas gegen den Irakkrieg oder zugunsten des gerechten Kampfes des palästinensischen Volkes sang.

Ich habe viele Freunde, die in den landesweiten Zeitungen als Journalisten arbeiten. Ich weiß, wie sie denken und was ihnen alles missfällt. Manchmal treffe ich mich mit einem von ihnen, der mich mit gesenkter Stimme fragt, ob ich nicht das gewagte Adjektiv bemerkt hätte, das er für seinen letzten Kommentar ausgewählt habe, um damit eine bestimmte Situation zu beschreiben. Ich sage ihm, dass ich das nicht gelesen habe, und dann erzählt er mir wie einer, der von einer Heldentat berichtet, dass er es fertiggebracht habe, bei der Bewertung der letzten Kartoffelernte das Wort „unzureichend“ fallen zu lassen. Er glaubt, dass er tollkühn im Gebrauch des Raumes war, den sie ihm zugestanden haben. Eigentlich ist er ja kein Feigling, aber vor nur wenigen Monaten warf man einen Kollegen raus, weil er sich die Finger verbrannt hatte.

Wenn man einmal den adäquaten Raum für sich gewonnen hat, beginnt man, sich über den Sinn seines zweckmäßigen Gebrauchs Gedanken zu machen. Es ist nicht dasselbe, der Kommentator der Hauptnachrichtensendung im staatlichen Fernsehen zu sein oder der Interviewte in einer Sendung, die zu einer Zeit mit geringen Einschaltquoten von einem regionalen Radiosender im Landesinnern ausgestrahlt wird. Ebensowenig ist es dasselbe, mit Gewalt und einer Pistole in der Hand, Radio Reloj** einzunehmen oder aber die Gelegenheit zu erhalten, in ein Mikrophon zu sprechen, weil ein guter Freund oder Verwandter, dem wir keinen Schaden zufügen wollen, uns eine Chance gegeben hat.

Kürzlich hatte die bildende Künstlerin Sandra Ceballos die brilliante Idee, eine Ausstellung unter dem provozierenden Titel „Kuratoren, geht nach Hause!“*** zu eröffnen, deren grundlegendes Ziel es war, die Türen ihres verklumpten Raumes für diejenigen sperrangelweit aufzureißen, die nur schwerlich von den akademischen Kuratoren der Kunst akzeptiert werden würden.

Ach, wenn ich nur einen Raum hätte! Und dort war er, offen und demokratisch wie das Meer, der Salon des Privathauses von Sandra Ceballos.

Doch die offiziellen Behörden des Kulturministeriums, besonders der Nationalrat der Bildenden Kunst legten eine Reaktion an den Tag, wie sie eben von Reaktionären zu erwarten ist. Eine Welle institutioneller Empörung erhob sich, und damit argumentierend, dass zur Ausstellungseröffnung politisch unkorrekte Personen eingeladen seien, warnte man die mutmaßlichen Teilnehmer, dass ein Mitwirken an der Schau als ein Akt offensichtlichen Ungehorsams aufgefasst werden würde.

Folgsam und diensteifrig, als ob sie den Sündenfall begangen hätten, beeilten sich einige Künstler (der ausgestreckte Zeigefinger, die Kleider zerrissen) die Ketzerei anzuprangern.

Die Besitzerin des Raumes entschied – und das war ihr gutes Recht – die Ausstellungseröffnung zu vertagen, und es gelang ihr schießlich die Ausstellung ohne Vernissage zu eröffnen, was bedeutete, dass die Rockgruppe, jene, die nie einen Raum finden kann, nicht hat auftreten können. Die provokantesten Ausstellungsstücke wurden aus der Schau herausgenommen, „um Sandras Raum nicht in Gefahr zu bringen“, und damit war die Sache erledigt.

Ein Sprungbrett benutzt man, um ins Schwimmbecken zu springen. Einen Raum, den man für einen bestimmten Zweck erlangt hat, kann man sich nicht erhalten, indem man das Ziel aufgibt: Einmal auf dem Sprungbrett, bleibt uns nur, ins Wasser zu springen.

Anmerkung der ÜbersetzerInnen:

* Die “Tribuna Antiimperialista” (dt.: “Antiimperialistische Tribühne”) ist eine überdachte Bühne für Open-Air-Konzerte in Havanna, nahe dem Malecón, direkt neben der US-amerikanischen Vertretung.
**Radio Reloj (Dt.: etwa: Radio-Uhr), Radiosender in Kuba, auf dem unentwegt Nachrichten gesprochen werden, unterbrochen von Zeitansagen.
*** Im Original: „Curadores go home!“ als Anspielung auf den Slogan „Yankees/Ami go home!“, der gegen US-Amerikaner gerichtet ist.

Rückwirkende Korrekturen

17. Agosto 2008

Man könnte annehmen, das Gesetz Nr. 259 stelle einen Akt der Korrektur dar. Das Gesetz überträgt brachliegendes Land zur Nutzung an diejenigen, die in der Lage sind, es Ertrag bringend zu bewirtschaften.

Es wird schwierig werden herauszufinden, ob die jetzt brachliegenden Flächen einmal Gemüsegärten mit Eigentümern waren oder ob sie seit undenklichen Zeiten brachgelegen haben. Viele von ihnen waren, in einem „Akt höchster Gerechtigkeit“, ihren Besitzern enteignet worden, zum „Wohle der Allgemeinheit“. Sie wandelten sich zu Volksfarmen mit einem Verwalter, der mehr Lehrbücher über Marxismus als über Landwirtschaft gelesen hatte. Sowjetische Traktoren ersetzten die unzeitgemäßen Ochsengespanne, Tonnen von Chemiedünger drangen in die Erde ein, die modernsten Pestizide wurden aus Kleinflugzeugen versprüht, Millionen Kubikmeter Wasser, gewonnen aus den neu geschaffenen Stauseen, bewässerten das Land, das Saatgut – in modernsten Laboren von neuen Fachleuten, welche die Revolution hervorgebracht hatte, entwickelt – versprach fabelhafte Ernten, während der Mensch – nicht irgendeiner, sondern der „neue Mensch“ bar jeden Egoismus und ausgestattet mit einer unerschütterlichen Kultur und einer unbegrenzten Solidarität – neue Rekorde in der Landwirtschaft aufstellte. Ich erinnere mich all das gelesen zu haben, erinnere mich, es geschrieben zu haben. Ich erinnere mich, es geglaubt zu haben.

Ich wüsste gern, ob irgendeine dieser heute brachliegenden Flächen für die jetzt neue Nutzer gesucht werden, in der Art und Weise bewirtschaftet wurde, wie oben beschrieben.

Die unwürdige greise Ceiba*

29. Julio 2008

Im Zentrum des Parque de la Fraternidad steht ein eingezäunter Baum. Es ist eine Ceiba, die zehn Jahre nach dem Keimen dort eingepflanzt wurde. Staatsoberhäupter aus ganz Amerika brachten im Gepäck etwas von der fruchtbarsten Erde mit, die sie in ihren jeweiligen Ländern gefunden hatten und die diese Pflanze aufnehmen sollte, die seit 1928 den Namen „Árbol de la Fraternidad Americana“** trägt.

Über dem eisernen Eingangstor zu diesem Bereich stehen die Namen aller Würdenträger, die damals an der Einweihungsfeier teilgenommen hatten. Ausgenommen dem des kubanischen, Gerardo Machado, den der Zorn, der berechtigte Volkszorn, mit dem Stemmeisen ausbrach, nachdem seine kurze Diktatur gestürzt worden war - die erste in unserer republikanischen Geschichte. Niemand hat den achtzigsten Jahrestag dieses Ereignisses gefeiert. Die Regierung nicht, weil dieses Symbol ebenso verabscheut wird wie die anderen Symbole aus vorrevolutionärer Zeit, und auch nicht von Institutionen der Zivilgesellschaft, denn diese werden von der Regierung ebenso verabscheut und dürfen überhaupt nichts feiern.

Die greise, unwürdige Ceiba gedeiht jenseits von Ablehnung oder Gleichgültigkeit. Hinter dem Zaun, der von den Wappen aller Republiken des Kontinents gekrönt wird, lagern die städtischen Bediensteten, die den Park reinigen, ihre ehrwürdigen Arbeitsgeräte.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Anspielung auf “Die unwürdige Greisin” von Bert Brecht
** Baum der amerikanischen Verbrüderung

Die Selbstzensur

22. Julio 2008

Neulich wurde ich zu einer Feier eingeladen, bei der auch eine Gruppe von jungen Journalisten anwesend war, die gerade ihr Studium abgeschlossen hatten. Dort führte ich eine angeregte Diskussion mit Frida Kahlo (es war ein Kostümfest), die sich davon überzeugt zeigte, dass das eigentliche Problem der kubanischen Presse nicht die Zensur sondern die Selbstzensur sei.

Frida versicherte mir, dass sie dort, wo sie seit fast zwei Jahren arbeitete, keinen einzigen Journalisten getroffen hatte, dessen Arbeit abgelehnt worden sei, weil sie als nicht publizierbar galt, dass niemand zensiert worden sei und das Problem darin liege, dass sich niemand getraue, mehr zu wagen.

Ich, der um den Kopf die Reste einer Kletterpflanze trug und versicherte, ich sei als Ceiba aus dem Parque de la Fraternidad verkleidet, spürte die Versuchung, ihr meine persönliche Geschichte zu erzählen, um sie zu überzeugen, dass Selbstzensur nichts Anderes ist als der erlernte Reflex, der durch ständiges Erleben von Zensur entsteht (erinnern Sie sich noch an den Pawlowschen Hund?), aber ich wollte nicht eitel erscheinen, und darum beschränkte ich mich darauf , ihr die folgende Frage zu stellen:
„Die Lösung wäre dann also, die Journalisten, die an diesem unerklärlichen Krankheitsbild leiden, einer Therapie zu unterziehen?“

Frida mochte auf meine Provokation lieber nicht antworten und begrüßte Trotzki, der in diesem Augenblick in Begleitung von John Lennon hereinkam.

Die Straffreiheit

1. Julio 2008

„An Kuba wird, im Namen der Menschenrechte, die Forderung nach Straffreiheit für diejenigen gestellt, die Volk und Vaterland – an Händen und Füßen gefesselt – dem Imperialismus ausliefern wollen.“

Fidel Castro. In: Die Vereinigten Staaten, Europa und die Menschenrechte. Kommentar des Ex-Präsidenten in „Cuba Debate“, publiziert am 19. Juni 2008.

In der kürzlich veröffentlichten Erklärung des kubanischen Ex-Präsidenten zur Aufhebung der Sanktionen von Seiten der Europäischen Union erscheint der oben zitierte Text, in dem er sich indirekt auf die 75 Inhaftierten aus dem Frühjahr 2003 bezieht. Dort wird, fünf Jahre später, der Grund für die Härte der verhängten Strafen deutlich, die sich zwischen 15, 20 und sogar 28 Jahren Gefängnis bewegten: Jetzt verstehen wir, dass diese Menschen nicht für das verurteilt wurden, was sie taten, sondern für das, was sie nach Ansicht der Anklage zu tun gedachten.

Denn es verdient derjenige eine schwere Strafe, der im wörtlichen – wenn nicht sogar im übertragenen – Sinne Volk und Vaterland, an Händen und Füßen gefesselt, einer imperialen Macht ausliefert. Oder verallgemeinernd ausgedrückt: Wer ein Volk an Händen und Füßen fesselt, um es einer Macht zu unterwerfen, die ihm das Selbstbestimmungsrecht nimmt, der gehört vor Gericht gestellt. Die 75 Gefangenen des „primavera negra“* haben nie etwas Derartiges getan, und es konnte nicht einmal mit rechtlichen Mitteln bewiesen werden, dass sie das vorgehabt hätten. Nur von einem streng politischen Blickwinkel aus betrachtet könnte man ihnen ein derartiges Vorhaben unterstellen – dann aber müsste man sie als politische Gefangene einstufen, womit allerdings die offizielle Version in Abrede gestellt würde.

Wörtlich genommen – und unabhängig von der verwendeten Sprache – wird ein Volk nicht mit einem Seil um Handgelenke und Fußknöchel an Händen und Füßen gefesselt, sondern dadurch, dass es mit Waffengewalt oder Gesetzesmacht daran gehindert wird, das politische System zu verändern, seine Regierung selbst zu wählen, seine Meinung frei zu äußern, sich nach seinen politischen Überzeugungen zusammenschließen, sich zu informieren, aus dem Land aus- und einzureisen oder wirtschaftliche Aktivitäten zu entwickeln.

Wenn wir davon sprechen, Straffreiheit zu fordern, dann müssten wir eigentlich hinzufügen, dass ein Staat nicht einmal im Namen der sozialen Gerechtigkeit so etwas einfordern dürfte, um dadurch sein Volk „stillzulegen“.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* „Schwarzer Frühling“:
Metapher für die Repressionskampagne im Frühjahr 2003

Wir lachen immer

22. Junio 2008

Da in meiner zusehends kleiner werdenden Privatbibliothek das „Tagebuch des Columbus“ nicht vorhanden ist, sehe ich mich außer Stande das zu überprüfen, doch ich denke, es stimmt: Man sagt, dass der Admiral, nachdem er die Gelegenheit hatte, die Urbevölkerung der Insel kennen zu lernen, sich selbst die Frage gestellt haben soll: „Weswegen lachen denn diese Indios?“

Unkundige wissen nicht, dass das Lachen, diese angeborene Fröhlichkeit, zu uns gehört wie die Kuba-Baumratte* und die Truthahngeier**. Und deshalb behaupten sie, in Kuba sei alles in Ordnung, und der unwiderlegbare Beweis dafür sei das Lachen der Leute. Wer das behauptet, der vergisst, dass am Samstag, den 25. Juli 1953, rund hundert junge Idealisten sich darauf einstellten, bei dem aberwitzigen Überfall auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba ihr Leben zu lassen – während gleichzeitig die übrigen Bewohner Santiagos lachten, sich ausgelassen zur Musik von Conga-Trommeln vergnügten und sich mit dem Bier und dem Rum den Rausch antranken, den sie sich mit ihrem Lohn leisten konnten.

Während der 14 Jahre meiner Tätigkeit bei der Zeitschrift Cuba Internacional (1973 - 1987), war ich oft dabei, wenn Fotos gemacht wurden, und vor allem bei der Auswahl der Bilder, die veröffentlicht werden sollten, insbesondere der Titelbilder. Die besten Fotografen dieser Zeit hatten die Bilder geschossen (Iván Cañas, Ernesto Fernández, Figueroa, Pablo Fernández, Cristóbal Pascual und noch andere). Sie waren nicht nur gut darin, eine Bildkomposition auszuwählen, sondern auch darin, die Porträtierten zum Lachen zu bringen, manchmal habe ich dafür sogar selbst mit meinen Spielchen hinter dem Fotografen daran mitgearbeitet.

Wir wollten damit nicht lügen. Vielmehr schien uns ein Bild nicht vollständig, oder nicht aus Kuba, wenn beispielsweise die Schüler einer neu eröffneten Landschule auf dem Foto nicht lachten, oder die strammen Macheteros, die gerade drei Millionen Arrobas*** Zuckerrohr geschnitten hatten, oder die unermüdlichen Soldaten, die Tag und Nacht den Himmel des Vaterlandes bewachten. Es war so einfach, sie zum Lachen zu bringen, und für sie war es genauso selbstverständlich, uns diesen Gefallen zu tun, so dass wir mit der Zeit allmählich das Bild eines Landes kreiert haben, in dem das Lachen als Erbgut der neuen Zeiten schien, als Errungenschaft der Revolution. Auch ich habe – im Rahmen meiner damaligen Möglichkeiten – meinen Teil dazu beigetragen und bekenne mich zu meinem Teil der Verantwortung. Ich machte Späße - aber sie sie waren es, die gelacht haben.

Was die Apologeten, die aus anderen Breiten zu uns gekommen sind, nicht wissen ist, dass wir auch über sie lachen, über ihre unerschütterliche Naivität. Ein Bus in Havanna, wo die Menschen Witze machen, ihr ganzes Leben erzählen oder sich herausfordernd berühren, ist eben nicht die U-Bahn von Berlin, in der man sich nicht einmal ansieht und wo jeder sich bemüht, möglichst mürrisch dreinzuschauen.

„Hey ‚Yuma’****, mach’ ein Foto von mir und schenk’ mir einen ‚Fula’*****, dann zeig’ ich dir, wie ich lachen kann!“

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Capromys pilorides
** Cathartes aura
*** Gewichtseinheit, 1 Arroba = ca. 11,5 kg
**** abwertende Bezeichnung für Ausländer mit Devisen
***** früher Dollar, jetzt CUC

Reflexionen aus dem Glashaus

18. Junio 2008

Ex-Präsident Fidel Castro hat soeben ein Vorwort zu seinem Buch Fidel, Bolivia y algo más veröffentlicht, in dem er den Blog Generación Y (dt. Seite hier), den meine Frau Yoani Sánchez im Internet betreibt, diskreditiert. Von Beginn an hat sie – für alle sichtbar – ihren Vor- und Zunamen (den er weglässt) mit einem Foto von sich ins Netz gestellt, um ihre Texte gegenzuzeichnen, welche sie mit dem einzigen Ziel schreibt, und wozu sie sich mehrfach bekannt hat, alles wieder auszuspeien, was in unserem Alltag Brechreiz verursacht.

Der Ex-Präsident kritisiert, dass Yoani in diesem Jahr die Auszeichnung „Ortega y Gasset für digitalen Journalismus“ angenommen hat und vertritt die Ansicht, dass dies dem Imperialismus dienlich und Wasser auf dessen Mühlen sei. Ich erkenne selbstverständlich das Recht dieses Herrn an, diesen Kommentar zu machen, doch erlaube ich mir die Beobachtung, dass die Verantwortung von jemandem, der einen Preis erhält, niemals mit der Verantwortung desjenigen vergleichbar ist, der den Preis vergibt und Yoani hat zumindest niemals einen Orden an die Brust irgendeines Korrupten, Verräters, Diktators oder Mörders geheftet.

Diese Klarstellung erfolgt, weil ich mich noch sehr genau daran erinnere, dass es ausgerechnet der Autor dieser Vorwürfe gewesen ist, der selbst den Orden „Jose Martí“ an die finstersten und anrüchigsten Rockaufschläge geheftet (oder dazu befohlen hat), die es nur gab: Leonid Iljitsch Breschnew, Nicolae Ceauşescu, Todor Schiwkow, Gustáv Husák, János Kádár, Mengistu Haile Mariam, Robert Mugabe, Heng Samrin, Erich Honecker und andere, die ich vergessen habe. Ich würde gern, im Angesicht der heutigen Situation, eine „Reflexión“ (regelmäßiger Kommentar von Fidel Castro in der Granma, Anm. d. Ü.) lesen, mit der er diese unangebrachten Ehrerweisungen rechtfertigten würde, die, um Wasser auf die Mühlen Anderer zu leiten, den Namen unseres Nationalhelden (gemeint ist José Martí, Anm. d. Ü.) in den Schmutz gezogen haben.

Gewiss kann der Name des Philosophen Ortega y Gasset mit elitären und sogar reaktionären Ansichten in Verbindung gebracht werden. Aber im Gegensatz zu den Personen, die vom Autor des Vorworts ausgezeichnet worden sind, ist Ortega y Gasset niemals mit Panzern gegen seine unzufriedenen Nachbarn vorgegangen, hat keine Paläste gebaut, niemanden eingekerkert, der anders dachte als er, niemals seine Anhänger im Stich gelassen, sich nicht an der Armut seines Volkes bereichert, keine Vernichtungslager gebaut und auch nicht die Erschießung derer befohlen, die über die Mauer ihres eigenen Grundstücks flüchten wollten.