Überraschungen am anderen Ufer
18. Noviembre 2008Die Anekdote – fast schon Legende – von einer Familie die, nach mehrtägigem Rudern in der Meerenge von Florida und endlich an der Küste gelandet, aus vollem Herzen Rufe für die Freiheit und gegen die Diktatur ausstieß – die aber nicht in Miami, sondern in Varadero angekommen war – kennt mittlerweile jeder.
Da gibt es den Fall von Kolumbus, der beklemmende Monate lang auf dem Meer segelte, von der Idee bessesen in Indien an Land zu gehen, um schließlich die Neue Welt zu entdecken, und noch viele Beispiele mehr. Leute, die aus dem Haus gehen um zu heiraten und am Ende den Tod finden, die Mädchenkleidung kaufen, und es wird ein Junge geboren, die alles investieren, damit aus dem Sohn ein Boxer werden würde, doch der Junge wird Balletttänzer – ein exzellenter noch dazu!
In seinen vorletzten „Reflexiones“ vom 14. November* verwies Ex-Präsident Fidel Castro auf einige Regierungen, die erklärtermaßen Kuba unterstützen, um damit die Wende zu erleichtern, und klagte, „dass man nach all den geopferten Leben und all den Entbehrungen zur Verteidigung von Souveränität und Gerechtigkeit Kuba nicht am anderen Ufer den Kapitalismus anbieten darf“.
Das Sinnbild vom „anderen Ufer“ beinhaltet in diesem Fall eine Anspielung auf diesen Ort, der sich am Ende von einem Weg befindet. Das wiederum erinnert mich an die hingegebenen Leben und die enormen Opfer all derer, die kämpften, um die Batista-Diktatur zu stürzen. Nachdem das Land so lange Zeit nach politischen Freiheiten und der Erlangung aller Bürgerrechte gelechzt hatte, durfte man Kuba „am anderen Ufer“ nicht eine neue Diktatur anbieten.
Aus der Sicht des Autors der hier erwähnten Reflexión, sind Souveränität und Gerechtigkeit ausschließlich auf den Sozialismus zurückzuführen; vielleicht spricht er von unserer eigenen Souveränität aus jenen Jahren, als Kuba im RGW** war und manche kubanische Minister ein Alter Ego im sowjetischen GOSPLAN*** hatten, mit dem sie die wichtigsten Entscheidungen erörtern mussten. Ich nehme an, er spricht wohl von unserer eigenen Gerechtigkeit, die belegt wird durch Schnellgerichtsverfahren, durch Prozesse auf der Basis der Vermutung, dass strafbare Handlungen begangen werden könnten, durch Strafen, die sich eher auf Mutmaßungen denn auf Beweise gründen.
Das kubanische Volk sollte die Möglichkeit haben zu entscheiden, in welchem System es künftig leben will: dem Sozialismus, dem Kapitalismus oder in einem anderen, das wir erfinden könnten. Aber leider gibt es eine Klausel in der Verfassung der Republik, die die Wahlmöglichkeit ausschliesst, denn es wird nur das Recht anerkannt, den Sozialismus zu akzeptieren. Das hat man uns – an diesem Ufer vom Ende des Weges – nicht angeboten, sondern aufgezwungen.
Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:
* Wörtlich: Überlegungen des Genossen Fidel. „Reflexiones del compañero Fidel: La reunión de Washington“ / Granma / 15.11.2008, S. 2
Eine offizielle deutsche Übersetzung finden Sie hier.
** Der sozialistische Wirtschaftspakt „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe“, auch als COMECON bekannt
*** Russisch: Gossudarstwennyi Komitet po Planirowaniju (Staatskomitee für Planung)








