Und der Sozialismus?

3. Enero 2009

Text der Zeitungsüberschrift: Dies ist eine Revolution der einfachen Leute, von den einfachen Leuten und für die einfachen Leute

Die Rede des Armeegenerals Raúl Castro aus Anlass des 50. Jahrestages des Sieges der Revolution*, war eine weitere kalte Dusche für all diejenigen, die ihm noch immer einen Sinn für das Pragmatische und den Wunsch nach Reformen in diesem Land zuschrieben.

In knapp dreißig Minuten bezog er sich ein Dutzend Mal auf seinen Bruder Fidel, ein paar Mal, um ihn zu zitieren, andere Male, um ihn zu lobpreisen, bei elf Gelegenheiten erwähnte er den nordamerikanischen Imperialismus und etwa zwanzig Mal bezog er sich auf historische Ereignisse. Über die Zukunft sagte er, dass auch die nächsten fünfzig Jahr permanenten Kampf bedeuten werden, und dass wir nicht glauben können, dass sie leichter werden würden.

Am Auffälligsten war, meiner Meinung nach, das Fehlen programmatischer Vorschläge. Beispielsweise erwähnte er nicht, dass in diesem Jahr der mehrmals verschobene sechste Parteitag der Kommunistischen Partei Kubas stattfinden wird; er erklärte weder etwas zu den angekündigten Strukturveränderungen noch zu irgendwelchen Plänen, um die Lebensmittelproduktion zu steigern oder die katastrophale Wohnraumsituation zu verbessern; er sprach auch weder davon, weitere, immer noch bestehende, absurde Verbote abzuschaffen; noch von der Ratifizierung der Vereinbarungen über Menschenrechte, die im vorigen Jahr unterzeichnet worden sind. Der große Abwesende war jedoch – und vor allem – der Sozialismus.

Als ich ihn sagen hörte, dass die kommende Führungsriege niemals vergessen dürfe, dass „dies eine Revolution der einfachen Leute“ ist, „von den einfachen Leuten und für die einfachen Leute“, da glaubte ich, ich hätte mich verhört. Aber die Tageszeitung Granma sollte mir später bestätigen, dass ich nicht taub geworden war, denn sie wählte genau diesen Satz als Schlagzeile für die erste Seite. Für die, die es vergessen haben: Das ist ein historischer Satz, den Fidel Castro am 16. April 1961 aussprach, und er bezeichnet den Moment, als er den sozialistischen Charakter der Revolution proklamierte. Raúl strich das Adjektiv „sozialistisch“ vor dem Substantiv „Revolution“, und er strich auf diese Weise aus dem Ausspruch genau das Wort, das ihn historisch machte: sozialistisch.

Nachdem ich diese kleine Entdeckung gemacht hatte, las ich seine in Santiago de Cuba gehaltene Rede noch einmal und fand – völlig perplex – heraus, dass der ganzen Rede die ideologischen Elemente des Systems fehlen. Beispielsweise heißt es, als Julio Antonio Mella erwähnt wird, der Gründer der ersten kommunistischen Partei, er sei „die Brücke“ gewesen, „die die Gedanken Martís mit fortgeschritteneren Ideen verbindet“. Warum wurde nicht deutlich gesagt, die Gedanken Martís mit dem Marxismus-Leninismus? Später wurde die Revolution als ein „Gerechtigkeit schaffendes soziales Erdbeben“ bezeichnet. Das, was in den ersten Jahren geschah, nachdem das Moncada-Programm übererfüllt war, nennt man hier „die logische Entwicklung des Prozesses“. Beinahe umgehend folgt die Aussage, in Kuba habe die amerikanische Geschichte „einen unterschiedlichen Verlauf genommen“.

Alles Übrige ist Metaphorik. Wo es hätte heißen müssen, dass der Klassenkampf begann, um die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abzuschaffen, heißt es, dass man begann, „Schande und Ungleichheit hinwegzufegen“, dass wir Kubaner „uns an den Grundsatz von Martí halten: Die Freiheit ist teuer, und man muss sich entweder damit abfinden, ohne sie zu leben oder sich entschließen, sie zu ihrem Preis zu kaufen“, dass „es eine starke Widerstandsbewegung war, fern von Fanatismus und gestützt auf feste Überzeugungen“ und dass die Revolution „niemals auch nur einen Millimeter von ihren Prinzipien abgewichen ist“.

Weshalb dieser sprachliche Taschenspielertrick? Weshalb bittet Raúl Castro die Aktivisten, sie mögen „verhindern, dass die Partei zerstört wird“, warum nennt er diese nicht einmal bei ihrem vollständigen Namen: Kommunistische Partei Kubas?

Ich frage mich, ob die marxistisch-leninistischen Grundsätze, die nach den Statuten der PCC** die Politik des Landes bestimmen, ob diese Grundsätze glücklich in der Versenkung verschwunden sind; ich frage mich, ob der Aufbau des Sozialismus aufgehört hat, das wichtigste Vorhaben der Revolution zu sein, die gerade fünfzig Jahre alt geworden ist. Ich möchte gerne wissen, ob diese Auslassungen die Folge einer nicht zu rechtfertigenden Vergesslichkeit sind oder der vorsätzlichen Absicht, sich allmählich anderen, eher vertretbaren Positionen zuzuwenden.

Ich frage solche Dinge nicht, weil mich das Aufgeben einer veralteten Ideologie traurig machen würde, sondern weil ich glaube, dass wir – nach einem halben Jahrhundert – erneut vor der Ungewissheit des Jahres 1959 stehen, als das Volk nicht wusste, zu welchem Schicksal es die Anführer des Prozesses führen würden.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Eine offizielle englische Version der Rede finden Sie hier
** Kommunistische Partei Kubas

Das Jahr der Yoani

31. Diciembre 2008

Obwohl es im April 2007 gewesen ist, dass Yoani Sánchez ihren Blog Generación Y begann, war der Moment, an dem ihr Name aus der Anonymität heraustrat und Popularität erreichte, das Jahr 2008. Vielleicht begann alles noch ein bisschen früher, nämlich, als im Oktober 2007 der Korrespondent der Agentur Reuters einen Bericht in Umlauf brachte, der anschließend in mehreren Zeitungen der Welt veröffentlicht worden ist. Das wiederum fiel dem Wall Street Journal auf, das dann am 22. Dezember eine ganze Seite und einen Aufmacher auf der ersten Seite dieser unbedeutenden Bürgerin widmete. Dem folgte die spanische Zeitschrift El País am 3. Januar dieses Jahres mit einem von diesen Interviews auf der letzten Seite, das überschrieben war mit einem Satz der Interviewten: „Das Leben befindet sich nicht anderswo, sondern in einem anderen Kuba“.

Während des 23. und 24. Februar, als man in Kuba Wahlen abhielt, um einen neuen Präsidenten des Staats- und Ministerrats zu wählen, füllte sich Havanna mit Berichterstattern der wichtigsten Printmedien aus der ganzen Welt. Als handele es sich um ein karibisches Mekka, pilgerte die Mehrzahl von ihnen bis zum 14. Stock des Hauses, wo die Bloggerin wohnt. Sie mussten, im wahrsten Sinne des Wortes, Schlange stehen, um sie zu interviewen. The New York Times, Die Zeit Newsweek, Washington Post, Reporter ohne Grenzen, das deutsche Fernsehen, das spanische, Al-Dschasira und viele andere wollten ihr unterschiedliches Publikum wissen lassen, worum es sich bei diesem neuen Phänomen handelte.

Im Monat März wurde das Portal desdecuba.com, wo neben anderen Blogs auch Generación Y angesiedelt ist, von den kubanischen Behörden blockiert, und seitdem ist es nicht mehr möglich, von Kuba aus auf den Blog zu gelangen. Dank sehr guter Freunde, die außerhalb der Insel wohnen, ist es möglich, das Tagebuch auf dem Laufenden zu halten, und dank weiterer Freunde ist es zurzeit möglich, es in 12 Sprachen zu lesen. Im April erfuhr Yoani, dass sie den Preis Ortega y Gasset für Digitalen Journalismus gewonnen hatte, und im Mai zählte die Zeitschrift Time sie zu den 100 einflussreichsten Personen der Welt in der Kategorie „Helden und Pioniere“. Die kubanische Regierung verweigerte ihr dann die Ausreiseerlaubnis, um den gewonnenen Preis in Spanien in Empfang nehmen zu können. Bei der Feier glänzte die Kubanerin durch ihre Abwesenheit, und ein anderer Kubaner, ebenfalls Blogger, Ernesto Hernández Bustos, nahm in ihrem Namen die Auszeichnung in Empfang. Die Solidarität, die dieses Verbot entfachte, war im gleichen Maße erfreulich wie die Reise frustrierend.

Einen Monat danach erblickte ein Buch über Bolivien das Licht der Welt. Autor des Vorworts war Fidel Castro, und ohne direkt ihren Namen zu nennen, machte er eine Anspielung auf diese junge Frau, die „einen der vielen Preise“ erhielt, „die der Imperialismus verleiht, um Wasser auf seine Mühlen zu leiten“. Yoani beschloss, ihm nicht zu antworten, unter anderem deshalb, weil sie sich zu Beginn ihrer Arbeit für die Herangehensweise entschieden hatte, auf Angriffe nicht zu antworten.
Daher bat sie mich um eine Riposte*. Es gab jene, die ihren Scherz nicht verstanden, sich dabei auf das Prinzip des Machismo zu berufen, wonach „dann, wenn ein Mann eine Frau beleidigt, es ihr Ehemann sein muss, der für sie eintritt“; diese Personen sollten vielleicht am Staatlichen Zentrum für Humor vorbeigehen, um eine Therapie zu bekommen oder damit sie ihnen einfach den Witz erklären.

Ende August wurde Gorki Águila, der Leadsänger einer Rockband, von der Polizei verhaftet. Auf ihm lastete eine Anklage, die ihn vier Jahre Gefängnis kosten konnte. Yoani ging, gemeinsam mit anderen Freunden, zur so genannten Tribuna Antiimperialista José Martí** – wo der berühmte Liedermacher Pablo Milanés ein Megakonzert gab – um, mit einem Transparent in der Hand, die Freiheit des Rocksängers zu fordern. Die kleine Gruppe wurde mit Prügeln zerstreut, doch anderntags, gegenüber des Gerichtsgebäudes, wo man den Prozess abhielt, waren wieder alle vor Ort und skandierten Gorkis Namen, als sie ihn als freien Mann, nur mit einer kleine Geldstrafe belegt, herauskommen sahen.

Am 4. September wurde Yoani 33 Jahre alt, aber ihr Geschenk erhielt sie erst zwanzig Tage später, als ihr, zum zweiten Mal, die Regierung die Erlaubnis zum Verlassen der Insel verweigerte, dieses Mal, um einer Einladung zu einem Journalismus-Festival im italienischen Ferrara zu folgen.

Im November gewann Yoani den Jury-Preis in dem spanischen Wettbewerb Bitácoras, und nicht einmal eine Woche später erfuhr sie, dass sie in dem Wettbewerb The BOBs, der weltweit mehr als zwölftausend Teilnehmer zählte, auch den Preis der Kategorie Best Weblog gewonnen hatte.

Anfang Dezember organisierte eine Bloggergruppe gemeinsam mit den Kollektiven der Zeitschrift Convivencia und des Portals Desde Cuba ein Treffen zum Erfahrungsaustausch. Die politische Polizei, wohlwissend, dass Yoani wie niemand sonst daran gearbeitet hat, die kubanische Blogosphäre zu erweitern, lud sie vor, um ihr mitzuteilen, dass dieses Treffen nicht stattfinden könne. Als sie sich weigerten, ihr das schriftlich zu bestätigen, sagte sie ihnen, dass ihnen dazu der Mut fehle, weil sie Feiglinge seien.

Die wöchentliche Zeitschriftenbeilage der Zeitung El País veröffentlichte in ihrer Ausgabe vom 30. November ihre Auswahl der 100 bedeutendsten Lateinamerikaner des Jahres, die Illustrierte Foreign Policy wählte im Dezember die 10 wichtigsten Intellektuellen des Jahres, und dasselbe tat die angesehene mexikanische Zeitschrift Gato Pardo. Yoani Sánchez erscheint in allen diesen Aufzählungen, und sie ist die Einzige, die in mehr als einer Liste enthalten ist.

All diese Ereignisse haben nur dazu beigetragen, den Blog Generación Y noch bekannter zu machen, der durchschnittlich pro Monat etwa 12 Millionen Mal aufgerufen wird und dessen Einträge jeweils zwischen drei- und siebentausend Kommentare erhalten. Das hat diesen Raum zu einem wirklichen, virtuellen öffentlichen Platz gemacht, wo sich tausende von Personen treffen, um Yoanis Texte oder die Kommentare der Besucher zu diskutieren.

Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, das besagt, dass Popularität Feinde anlockt. Im Laufe dieser Monate sind die Feindseligkeiten aus zwei Richtungen gekommen: zuerst, und am besten nachvollziehbar, von jenen Fundamentalisten, die nicht die kleinste Kritik an der Regierung akzeptieren. Sie nennen sie Söldnerin des Imperiums, Agentin der CIA, oder im besten Falle, eine verwirrte Person, die nicht weiß, wie schlecht es der Welt dort draußen geht; die zweite Richtung sind die anderen Fundamentalisten, diejenigen, die glauben, dass jeder, der seine Finger auf einer Computertastatur bewegen kann, notwendigerweise auch ein Agent der Staatssicherheit sein muss. Darunter sind manche, die Asyl erhielten wegen einer behaupteten Verfolgung, die sie niemals erlitten hatten, und die nun sagen, dass sie nicht verstünden, weshalb die Bloggerin weder im Gefängnis sitzt, noch die Insel verlässt. Es gibt viele, die nicht akzeptieren, dass man ihr Preise und Auszeichnungen verleiht, anstatt sie anderen unabhängigen Journalisten zu geben, die Schläge erlitten oder lange Gefängnisstrafen verbüßen. Ich kann versichern, dass keine einzige der erhaltenen Auszeichnungen, einschließlich der Erwähnung durch den bereits angesprochenen Autor eines Vorworts, von Yoani beantragt wurde.

Glücklicherweise überwiegen die Freunde. Im Gegensatz zu denen, die sie verunglimpfen, zeigen aber die Freunde ihr Gesicht und nennen ihre Namen. Viele sind es – und dafür bin ich ein privilegierter Zeuge – die sie auf der Straße anhalten, um ihr zu sagen, dass sie sie lesen und sie unterstützen. Darunter befinden sich einige bekannte Persönlichkeiten, Kubaner, die im Ausland leben, Leute von hier drinnen, die sie mittels Parabolantennen oder durch die CDs kennen, die gratis kursieren, Junge und Alte, Männer und Frauen, die nicht wissen, dass diese Frau eine der schüchternsten Personen der Welt ist, und das so sehr, dass man unter ihren engsten Vertrauten immer gesagt hat, sie besitze die Gabe, sich unsichtbar zu machen, weil sie es so sehr vermeide, im Zentrum der Aufmerksamkeit von Anderen zu stehen.

Ich habe das unendliche Vergnügen, mein Leben mit Yoani zu teilen. Seit Juli 1993 sind wir ein Paar, als sie noch nicht im Pädagogischen Institut eingeschrieben war und noch nicht einmal davon träumte, die Fachrichtung zu wechseln, um Philologin zu werden. Wir haben einen Sohn von 13 Jahren, ein Aquarium mit einem Goldfisch und eine Hündin ohne Rasse. Ich habe das Recht zu sagen, dass niemand sie so gut kennt wie ich. Ihre schlimmsten persönlichen Fehler sind ein Geheimnis für ihre erbittertsten Gegner, und ihre größten Tugenden sind noch nicht von ihren glühendsten Bewunderern entdeckt worden. Weil mein Beruf der eines Journalists ist, haben auch solche Stimmen nicht gefehlt, die sagen, dass in Wirklichkeit ich es wäre, der ihre Texte schreibt. Es genügt ein Blick auf meinen Blog (den fast niemand besucht!), um die Stilunterschiede festzustellen. Aber eines ist gewiss, ich verzichte nicht auf den Teil der Meriten, der mir zusteht, denn wenn ich, in meiner symbolischen Blümchenschürze, nicht das Geschirr spülen, das Haus putzen und die Balkonblumen gießen würde, dann hätte Yoani keine Zeit für ihren Blog. Sie ist so großzügig, mich ihre Arbeiten vor der Veröffentlichung lesen zu lassen, damit ich mich der Illusion hingeben kann, ich würde sie redigieren.

Ohne Zweifel, 2008 war das Jahr von Yoani. Allerdings weiß niemand, dass ihre Glückszahl die 9 ist.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:
* Als Riposte bezeichnet man einen unmittelbaren Gegenangriff aus dem erfolgreichen Parieren heraus. Die Technik der Riposte verbindet das Aufnehmen der ankommenden Attacke unmittelbar mit dem Konter, der eine angriffsbedingte Lücke der gegnerischen Abwehr ausnutzt. Der Begriff stammt aus der französischen Sprache und bezeichnet dort auch eine schlagfertige Antwort. Die Bezeichnung im Sinne des Nahkampfmanövers wird vor allem beim Fechten und in der Kampfkunst verwendet (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Riposte).
** Die „Tribuna Antiimperialista“ (dt.: Antiimperialistische Tribüne) ist eine überdachte Bühne für Open-Air-Konzerte in Havanna, nahe der Uferpromenade (Malecón), direkt neben der US-amerikanischen Vertretung.

Zwanzig Jahre in Freiheit oder das wahre Gesicht von Fantomas

19. Diciembre 2008

Am gestrigen Donnerstag machte ich ein kleines Fest, um die 20 Jahre als freier Mann gebührend zu feiern. Es war um 10 Uhr morgens am 18. Dezember 1998, als ich einer Versammlung beiwohnte, bei der man mich darüber in Kenntnis setzte, dass ich nicht mehr als offizieller Journalist in Kuba arbeiten könne. Aus dem Erschießungskommando, von dem ich als Berufsjournalist exekutiert wurde, schossen José R. Vidal (Cheito) Leiter der Juventud Rebelde*, Lázaro Barredo für das Direktorium des Kubanischen Journalistenverbandes UPEC, Juan Contino, der damals zweiter Sekretär des Landesbüros des Kubanischen Jugendverbandes UJC war und andere Kollegen der Zeitung, die nur einzelne Salven abgaben.

Sie warfen mir vor, das revolutionäre Werk in Frage zu stellen, die Widersprüche zwischen der jungen Generation und denjenigen, die auf den Leitungsposten im Land sitzen, aufzubauschen, sowie ambivalente Begriffe zu verwenden, die eine zweideutig Leseweise meiner Texte ermöglichten. Hinzugefügt wurden einige Details wie, dass ich eine Gruppe von Schülern der Journalistenschule aufgestachelt hätte, damit sie während eines Treffens mit dem Comandante en Jefe** eine Provokation lancierten, und obendrein, dass ich mich in meinem Haus mit Jugendlichen träfe, denen ich konterrevolutionäre Ideen in den Kopf setzen würde.

Gegen all das verteidigte ich mich vehement in einem langen und minuziösen an Carlos Adana gerichteten Appell, der in diesem Moment den ideologischen Apparat der Partei leitete. Monate später (ich glaube, es war im August 1999) wurde ich im Sitz des Zentralkomitees von einem Funktionär namens Castellanis empfangen, dem Stellvertreter von Adana, sowie von Jacinto Granda, der sich bereits anschickte, die Leitung der Granma*** zu übernehmen. Ich war begierig zu sehen, auf welche Weise sie versuchen würden, meine Argumente abzuschmettern, an denen ich mit so großer Lust während anstrengender Arbeitstage gefeilt hatte. Zu meiner Überraschung sagte mir Castellanos, dass ich mir gar nicht die Mühe zu machen bräuchte, mich gegen die ausgesprochenen Anschuldigungen zu verteidigen, da ich einfach nicht länger Journalist sein könne, weil sich meine Denkweise von der Parteilinie unterscheide und es mehr nicht zu sagen gäbe.

So lernte ich das wahre Gesicht von Fantomas kennenlernte. Ich verließ diesen Ort, wütend und frustriert, weil ich immer noch nicht verstanden hatte, dass die Leichtigkeit, die ich in dem Moment fühlte, nicht darauf zurückging, dass ich dabei war mich in eine unsichtbare Person zu verwandeln, sondern dass sie mich zu einem freien Menschen gemacht hatten.

Ich habe letzte Nacht auf jene angestoßen, die mich für immer von diesem Ballast der Täuschung befreit haben. Ich schwöre, dass ich für sie auch nicht den geringsten Groll empfinde und ihnen öffentlich danke, für das unermessliche Geschenk, dass sie mir bereitet haben.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Tageszeitung des kommunistischen Jugendverbandes Kubas UJC
** Dt.: Oberbefehlshaber der Armee. Damaliger offizieller Rang von Fidel Castro und häufig gebrauchte Bezeichnung für ihn.
*** Tageszeitung der Kommunistischen Partei Kubas

Bericht aus der Farm

10. Diciembre 2008

Dankbare und zahme Haustiere, besonders die in Gefangenschaft geborenen, sind folgsam gegenüber ihrem Herrn. Es spielt keine Rolle, dass der Mensch, der sie beherrscht, ausgerechnet derjenige ist, der verhindert, dass sie in ihrem natürlichen Umfeld leben, der sie arbeiten lässt oder sie fett werden, um sie später zu essen; dass er darüber entscheidet, ob sie ein Sexualleben haben dürfen oder nicht, und falls ja, wann und mit welchem Mitglied ihrer Gattung; dass er ihnen Zaumzeug anlegt, das Joch, Maulkörbe, Geschirr, Käfige, Hufeisen und Ketten; dass er sie kastriert oder vergewaltigt, ihnen die Flügel stutzt oder die Eckzähne ausbricht; sie anschreit, sie schlägt, um sie gefügig zu machen; dass er sie mit einem glühenden Eisen brandmarkt und sie an einen anderen verkauft; dass er keinem von ihnen erlaubt, ohne Genehmigung die Grenzen der Farm, des Zoos oder des Zirkus zu verlassen, je nachdem, wohin es das Tier verschlagen hat. All das spielt immer dann keine Rolle, wenn der Herr ihnen rechtzeitig Futter in den Stall bringt, wenn er sie impft sie, damit sie nicht in einem ungelegenen Moment sterben.

Von einigen extravaganten Ausnahmen einmal abgesehen, haben die Tiere keine Rechte, sie haben weder Mittel, um zu protestieren, noch eine Instanz, bei der sie das tun könnten. Es ist hinnehmbar, dass eine Gans ihr ganzes Leben mit einem Schlauch in der Speiseröhre zubringt, und ihr Essverhalten vergewaltigt wird, wenn dadurch die Produktion von Gänseleberpastete begünstigt wird; tausende von Hennen sind dazu verurteilt, bei stets angeschaltetem Licht zu leben, um sie glauben zu machen, dass es keine Nacht gäbe, und das ist gut, wenn es die Eierproduktion steigert. Um einen dringenden Transport zu bewerkstelligen, kann einem Esel ein Gewicht aufgeladen werden, dass sein Eigengewicht zwei oder dreimal übersteigt. Wenn es zum Glanz des Spektakels beiträgt, kann ein Pferd mit der Peitsche geschlagen werden oder man gibt ihm die Sporen, ein Stier kann vor tausenden von Menschen ermordet werden, ein Tiger wird öffentlich gedemütigt, indem er ein ums andere Mal durch denselben albernen Reifen springen muss.

Die Zuschauer haben ihren Spaß und essen dabei zerstreut ihr Popkorn; der Empfänger des Transports sieht den Esel nicht einmal an; während man sich die Eier zum Frühstück schmecken lässt – Wer erinnert sich da schon an die gequälten Hennen? Vor einer Speisekarte, auf der (möglicherweise auf Französisch) Gänseleberpastete angeboten wird, wäre es geschmacklos, das makabre Vorgehen zu beschreiben, der ihr vorausgeht. Und nicht, dass er sich damit zufrieden geben würde, den Tieren sämtliche Rechte zu verweigern, die Protestmittel und die Instanz, wo sie das tun könnten, der „Herrensapiens“* lebt in der selbstgefälligen Überzeugung, dass ihnen das Beschütztsein wichtiger sei als die Freiheit und dass es mehr als genug sei, ihnen Futter in den Schweinestall zu bringen und sie von Zecken zu befreien.

Ich habe schon mehrmals den Albtraum gehabt, dass in einem Land auf diesem Planeten, sagen wir mal, auf einer Insel, die Menschen weder das Recht der freien Meinungsäußerung haben, noch es ihnen erlaubt ist, sich zusammenzuschließen oder die Landesgrenzen ohne Erlaubnis zu überschreiten. Sie haben einen freigiebigen König, der verschiedene Privilegien vergibt, je nach dem Grad der Unterwerfung jedes Einzelnen, der aber alle gleichermaßen mit Grundnahrungsmitteln versorgt und sich um ihre Gesundheit kümmert. Der Nachteil davon ist, dass keiner protestieren kann. Der Rest der Welt beneidet sie und bewundert den König.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Im Original heißt es „amosapiens“, abgeleitet vom spanischen Begriff „amo“ für Herr, in Anspielung auf den Homosapiens.

Disqualifiziert für den Dialog

8. Diciembre 2008



Text auf dem Foto: Achtung Rutschgefahr

Yoani berichtete schon in ihrem Blog Generación Y detailliert über die Schmährede, die wir beide uns auf einer Polizeistation aus dem Mund zweier Beamter des Innenministeriums anhören mussten.
Da ich langsamer verdaue als sie, habe ich einige Zeit gebraucht, um das Geschehene zu kommentieren, aber ich werde nur ein paar Fragen zu den Worten stellen, die meine Aufmerksamkeit am stärksten erregt haben: „Sie haben sich für jeglichen Dialog mit den kubanischen Behörden disqualifiziert.“ Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich nicht ganz genau zitiere, aber bekanntlich wollten sie es uns ja nicht schriftlich geben.

Hier sind meine Fragen:

Stehen wir kurz vor einem Dialog mit den Behörden?

Gibt es eine Agenda für diesen Dialog?

Werden die Tagesordnungspunkte dieser Agenda allein von derjenigen Seite festgelegt, die die Macht innehat?

Ist das Innenministerium berechtigt, zu entscheiden, wer für einen Dialog mit den kubanischen Behörden qualifiziert ist oder nicht?

Nehmen die Beamten des Innenministeriums an, sie seien die Behörde, mit der gesprochen werden sollte?

Gibt es irgendwo disqualifizierte Personen, dann deshalb, weil ein urteilender „Qualifizierer“ vorhanden ist. Welches sind die notwendigen Voraussetzungen, die zu erfüllen sind, um mit den Behörden in einen Dialog zu treten? Sind diese Normen oder Regeln geheim?

Wer wird für einen Dialog qualifiziert sein, der nicht in einen Monolog mündet oder zu einem Chor wird, in dem alle perfekt darauf abgestimmt sind, dasselbe zu sagen?

Verräterische Fristen

30. Noviembre 2008





Erinnern Sie sich an jenes Stundenhotel, das unter dem Namen „Las casitas de Ayestarán“ bekannt war? Aus Gründen, die wir alle kennen, wurde es zu einer Unterkunft für Menschen ohne Dach über dem Kopf, und aus denselben Gründen, die wir hier nicht wiederholen wollen, ist der Bau eingestürzt. Seit Mitte oder Ende 2006 hatte man geplant, dort eine Reihe von Häusern zu errichten.
Man setzte eine Baufrist bis zum 30. November 2007 fest. An eben diesem Tag – also bereits vor einem Jahr – machte ich ein paar Fotos, eines davon mit der Anschlagtafel im Vordergrund. Jetzt, nachdem noch ein weiteres Jahr vergangen ist und ich erneut ein Foto von diesem Ort mache, ist von der Baufrist nichts mehr zu sehen. Aus Gründen, die wir alle kennen, ist das Bauwerk unvollendet.

Einladung an Historiker und „Kubanologen“

26. Noviembre 2008

Wer die Absicht hat, Kubas Geschichte in der kürzest möglichen Form zu erzählen, kann hierfür zu einer allgemeinen Einteilung greifen, durch die sie sich auf Folgendes reduzieren ließe:

6000 Jahre (ungefähr), in denen die Insel von Ureinwohnern bewohnt wurde; 388 Jahre unter spanischer Kolonialherrschaft; 4 Jahre nordamerikanischer Interventionsregierung; 56 Jahre als Republik und 50 Jahre lang Revolution.

Natürlich ist es fast schon respektlos, mit 29* Worten, die in etwa 15 Sekunden ausgesprochen sind, die Geschichte eines Landes erzählen zu wollen. Aber – wem auch immer das missfallen mag – dies ist eine Einteilung von extremer Verallgemeinerung. Am Busbahnhof von Havanna, zum Beispiel, befindet sich ein Wandgemälde, das vorgibt, auf 14 Metern alles wiederzugeben. Sein größter Makel ist, dass es die Ureinwohner weglässt und sie durch eine Maniok- und eine Tabakpflanze ersetzt. Das Gesicht Fidel Castros kommt zwei Mal vor, und er ist die einzige lebende Person, die dort abgebildet ist.

Ich möchte die Historiker, die sich auf die zeitgenössische Geschichte Kubas spezialisiert haben, mit der folgenden Provokation herausfordern: Dem Erstellen einer Einteilung der Geschichte der letzten 50 Jahre. Ich habe es versucht, aber vor der Aufgabe kapituliert, als ich bei der Eingrenzung jeder Geschichtsetappe und dem anschließenden Benennen jedes Abschnitts strauchelte und damit fürchterliche Schwierigkeiten hatte. Angenommen, wir taufen die ersten Jahre (Januar 59 bis April 61) „Moment der ersten revolutionären Umgestaltungen“ (Agrarreform, Mietreform, Verstaatlichungen von Privateigentum, Alphabetisierungskampagne usw). Später käme dann ein Abschnitt, der beginnen würde mit der „Deklaration des sozialistischen Charakters der Revolution“. Und das ganze Hin und Her in Richtung Maoismus, Eurokommunismus, Sowjetisierung oder einer davon völlig verschiedenen Identität – müsste jeweils gesondert abgehandelt werden. Ein weiterer Abschnitt: Die Zeit, in der man von der gleichzeitigen Errichtung von Sozialismus und Kommunismus sprach. Eine eindeutige Etappe ist die „endgültige“ Eingliederung des Landes in die Reihen des sozialistische Lagers, dessen Höhepunkt unser Eintritt in den RGW** war, eine andere ist der Beginn der Sonderperiode*** und schließlich die heutige Situation, die sich grundsätzlich von allem vorher Dagewesenen unterscheidet.

Ich wiederhole, dass ich selbst zwar vor dieser überaus schwierigen Aufgabe gekniffen habe, weise allerdings darauf hin, dass ich mir die Kritik an denjenigen nicht verkneifen werde, die sie in Angriff nehmen. Deshalb spreche ich hier nochmals die Einladung aus, die sich in der folgenden Frage zusammenfassen lässt:

Welches wären die Eckdaten und die angemessenen Bezeichnungen für die historischen Unterepochen der letzten 50 Jahre in der Geschichte Kubas?

Die interessantesten Antworten werden bei „Con todos“ auf diesem Portal desdecuba.com veröffentlicht, vorausgesetzt, der Autor hat der Veröffentlichung zugestimmt.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* In der spanischen Fassung: 35 Worte
** Der sozialistische Wirtschaftspakt „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe“
*** Der Notstand, den Fidel Castro 1990 nach dem Zusammenbruch des Ostblocks verkündete. Der „Período especial en tiempos de paz“ (dt.: „Sonderperiode in Friedenszeiten“) ist bis heute offiziell nicht aufgehoben.

Überraschungen am anderen Ufer

18. Noviembre 2008

Die Anekdote – fast schon Legende – von einer Familie die, nach mehrtägigem Rudern in der Meerenge von Florida und endlich an der Küste gelandet, aus vollem Herzen Rufe für die Freiheit und gegen die Diktatur ausstieß – die aber nicht in Miami, sondern in Varadero angekommen war – kennt mittlerweile jeder.

Da gibt es den Fall von Kolumbus, der beklemmende Monate lang auf dem Meer segelte, von der Idee bessesen in Indien an Land zu gehen, um schließlich die Neue Welt zu entdecken, und noch viele Beispiele mehr. Leute, die aus dem Haus gehen um zu heiraten und am Ende den Tod finden, die Mädchenkleidung kaufen, und es wird ein Junge geboren, die alles investieren, damit aus dem Sohn ein Boxer werden würde, doch der Junge wird Balletttänzer – ein exzellenter noch dazu!

In seinen vorletzten „Reflexiones“ vom 14. November* verwies Ex-Präsident Fidel Castro auf einige Regierungen, die erklärtermaßen Kuba unterstützen, um damit die Wende zu erleichtern, und klagte, „dass man nach all den geopferten Leben und all den Entbehrungen zur Verteidigung von Souveränität und Gerechtigkeit Kuba nicht am anderen Ufer den Kapitalismus anbieten darf“.

Das Sinnbild vom „anderen Ufer“ beinhaltet in diesem Fall eine Anspielung auf diesen Ort, der sich am Ende von einem Weg befindet. Das wiederum erinnert mich an die hingegebenen Leben und die enormen Opfer all derer, die kämpften, um die Batista-Diktatur zu stürzen. Nachdem das Land so lange Zeit nach politischen Freiheiten und der Erlangung aller Bürgerrechte gelechzt hatte, durfte man Kuba „am anderen Ufer“ nicht eine neue Diktatur anbieten.

Aus der Sicht des Autors der hier erwähnten Reflexión, sind Souveränität und Gerechtigkeit ausschließlich auf den Sozialismus zurückzuführen; vielleicht spricht er von unserer eigenen Souveränität aus jenen Jahren, als Kuba im RGW** war und manche kubanische Minister ein Alter Ego im sowjetischen GOSPLAN*** hatten, mit dem sie die wichtigsten Entscheidungen erörtern mussten. Ich nehme an, er spricht wohl von unserer eigenen Gerechtigkeit, die belegt wird durch Schnellgerichtsverfahren, durch Prozesse auf der Basis der Vermutung, dass strafbare Handlungen begangen werden könnten, durch Strafen, die sich eher auf Mutmaßungen denn auf Beweise gründen.

Das kubanische Volk sollte die Möglichkeit haben zu entscheiden, in welchem System es künftig leben will: dem Sozialismus, dem Kapitalismus oder in einem anderen, das wir erfinden könnten. Aber leider gibt es eine Klausel in der Verfassung der Republik, die die Wahlmöglichkeit ausschliesst, denn es wird nur das Recht anerkannt, den Sozialismus zu akzeptieren. Das hat man uns – an diesem Ufer vom Ende des Weges – nicht angeboten, sondern aufgezwungen.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Wörtlich: Überlegungen des Genossen Fidel. „Reflexiones del compañero Fidel: La reunión de Washington“ / Granma / 15.11.2008, S. 2
Eine offizielle deutsche Übersetzung finden Sie hier.
** Der sozialistische Wirtschaftspakt „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe“, auch als COMECON bekannt
*** Russisch: Gossudarstwennyi Komitet po Planirowaniju (Staatskomitee für Planung)

Misshandelte Bücher

15. Noviembre 2008

Für den Stand der Sterne interessiere ich mich nicht, aber mich faszinieren die Zufälligkeiten, und so passierte es, dass am Freitag um Mitternacht, als fast schon der 15. November begonnen hatte, ein Buch aus dem Regal fiel und sich auf Seite 14 öffnete, auf der das Datum des selben Tages zu lesen war, der gerade begann - allerdings aus dem Jahr 1968, dem „Jahr des heldenhaften Guerillakämpfers“.

Mit dieser Datumsangabe endete die Erklärung des kubanischen Schriftsteller- und Künstlerverbandes UNEAC*, der im Nachhinein zwei Bücher, die in eben diesem Jahr den Literaturpreis der UNEAC gewonnen hatten, wegen Unvereinbarkeit mit der revolutionären Ideologie verurteilt hatte: das Theaterstück Los siete contra Tebas** von Antón Arrufat und den Gedichtband Fuera del Juego*** von Heberto Padilla.

In jener Zeit studierte ich Journalismus an der Universität von Havanna, und die Erinnerungen an die Streitgespräche sind noch frisch. Die Geschichte ist sattsam bekannt****, und dies ist nicht der Raum, sie wieder auferstehen zu lassen. Mit geht es nur darum, mit den Lesern das Gefühl teilen, das der Anblick des zerfledderten Bandes von Fuera del Juego in mir hervorrief. Er fiel mir fast auf die Füße, um mich daran zu erinnern, dass ich die Wahrheit sagen muss, zumindest meine Wahrheit, selbst wenn man mir eine lieb gewordenen Seite zerstört oder mit Steinwürfen meine Fenster einschlägt.

Anmerkung der ÜbersetzerInnen:

* UNEAC = Unión de Escritores y Artistas de Cuba
** Etwa: Die Sieben gegen Theben
*** Etwa: Aus dem Spiel
**** Im Jahr 1968 erschienen in der Zeitschrift der kubanischen Streitkräfte „Verde Olivo“ unter einem Pseudonym veröffentlichte Artikel, in denen die Haltung und die Werke vermeintlich konterrevolutionärer Schriftsteller wie Heberto Padilla oder Antón Arrufat angegriffen wurden. Vgl. hierzu diesen Artikel bei der Frankfurter Rundschau.

Mit einem Federhieb

13. Noviembre 2008

In einer ganzseitigen Beilage der New York Times vom Montag
drängte die American Civil Liberties Union Obama,
am ersten Tag seiner Amtszeit Guantánamo Bay
mit einem Federstrich zu schließen.
CNN

Im Spanischen sagen wir „mit einem Federstrich“ (con un plumazo), wenn wir die Schnelligkeit betonen möchten, mit der eine Entscheidung getroffen wird, die allein durch das Setzen einer Unterschrift Gültigkeit erlangt. Ins Englische übersetzt lautet der Ausdruck „with the stroke of a pen“, und wenn wir das wörtlich und streng schematisch ins Spanische zurückübersetzen, dann wird „mit dem Hieb einer Feder“ (con el golpe de una pluma) daraus, und das ist der Weg, auf dem – nach den Forderungen der Amerikanischen Vereinigung für Bürgerrechte – der nächste US-amerikanische Präsident das schändliche Gefängnis schließen soll, die das Land auf dem Militärstützpunkt in der Bucht von Guantánamo unterhält.

Meine antitotalitären Bedenken – die durch die verständlichen Vorbehalte genährt werden, an denen ein Mensch krankt, der ein halbes Jahrhundert lang eine Diktatur erleidet – diese Bedenken schlagen höchsten Alarm angesichts dieser Bitte. Es erschreckt mich, dass jemand so viel Macht haben soll, auch wenn es das Gute ist. Sie wissen nichts von den Federstrichen, die wir in unseren Breiten schon erlebt haben, und mehr noch, von den Telefon- und sogar “Gerichtshieben“*. Mit einer Handbewegung aus dem Seitenfenster eines viertürigen sowjetischen Jeeps wurden Ernten vernichtet, wurden Minister und Botschafter abgesetzt, wurde der Bau eines Staudamms befohlen, die Absage einer Veranstaltung, der Beginn eines Krieges, die Entsendung von Ärzten in andere Länder, die Zensur eines Buches, die Öffnung vieler Gefängnisse … und auch das, was wir nicht wissen.

Aber manchmal drängt die Zeit, und man muss bestimmte Vorbehalte überwinden. Gefängniseinrichtungen sollten unter der ständigen Überwachung der zuständigen Justizorgane stehen und nicht außerhalb der Grenzen, der Kontrolle entzogen. Die Schließung dieses Gefängnisses wird von denen gefordert, die das Ansehen der Vereinigten Staaten beschädigt sehen, und von denen, die ernstlich besorgt sind über jeden Übergriff, der geschieht, unabhängig davon, wer der Geschädigte sein mag, und, selbstverständlich, auch von uns, die wir die wirklichen Eigentümer der Insel sind, der ganzen Insel.

Wenn Obama die Feder in der Hand hält (es muss nicht einmal am ersten Tag im Oval Office sein), sei es, um sein Land von der schweren Last dieser Schande zu befreien, oder um denen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, deren Rechte verletzt wurden, dann möge ihm doch jemand eine Landkarte zeigen, auf der Guantánamo zu sehen ist, und ihm beiläufig erzählen, dass die US-amerikanischen Bürger den Rest der Insel nicht besuchen dürfen. Der ist nicht nur ihr schönster Teil, sondern auch der interessanteste. Jemand möge ihm erklären, dass es auf diesem großen Alligator mitten in der Karibik Millionen Menschen gibt (Zigtausende, um es gemäßigter auszudrücken), die erleichtert aufatmeten bei der Nachricht, dass er gewählt wurde, Menschen die fest daran glauben, dass er eine einzigartige und möglicherweise unwiederbringliche Chance hat: Nicht die, mit einem Federhieb unsere Probleme zu lösen, sondern mit der einer Feder eigenen Zärtlichkeit eine Botschaft zu senden, auch wenn es nur eine Handbewegung ist.

Anmerkung der ÜbersetzerInnen:

* Im Original: „telefonazos/tribunazos“. Die spanische Endung „-azo“ weist auf eine gewaltsame Handlung hin. Die konkreten Wörter sind Wortschöpfungen des Autors im Sinne von Telefonanrufen oder Gerichtsverfahren mit schwerwiegenden negativen Folgen.